Eisschnelllauf 700 Kilometer fürs Shorttrack-Training

Mit höchster Kurvengeschwindigkeit: Die 19-jährige Anna Seidel, deren Rennkalender als nächsten Termin die EM in Dresden vermerkt.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)
  • Shorttrackerin Anna Seidel schaffte die Qualifikation für die Olympischen Winterspielen in Pyeongchang außerordentlich früh.
  • Für die Teilnahme zog die 19-Jährige in die Niederlande: Zwischen Schule und Trainingshalle liegen 700 Kilometer.
  • Zur Heim-Europameisterschaft im Januar kehrt Seidel auch sportlich wieder nach Dresden zurück.
Von Barbara Klimke

Vielleicht liegt es am Helm. Vielleicht auch an dem Halsschutz aus schnittfestem Textil oder an den Sicherheitsmatten an der Bande: Was Anna Seidel auszeichnet, ist eine ausgeprägte Rennfahrermentalität. Shorttracker begnügen sich, anders als die Eisschnellläufer, nicht mit einsamen Runden gegen die tickende Uhr. Sie laufen gegeneinander, taktisch, im K.-o-System. Wie die Formel-1-Piloten haben sie immer schon den nächsten Risikoabschnitt, die nächste Schikane im Blick. Denn es gewinnt, wer als Erster stehend über die Linie kommt.

Der Alltag zwischen Spitzensport und Prüfungen ist mittlerweile Gewohnheit

Auf einen langen, höchst anspruchsvollen Kurs hat sich Anna Seidel, 19, in dieser Saison begeben, nicht nur auf dem Eis, mit Kufen unter den Füßen, sondern auch im richtigen Leben. Deshalb hat sie früh Streckenmarkierungen abgesteckt. Den ersten Engpass, die Olympia-Qualifikation, wollte sie zum Beispiel so schnell wie möglich hinter sich bringen. "Das ist immer Stress, wenn man so etwas zu lange aufschiebt und dann ständig im Hinterkopf hat", wusste sie. Und den Kopf braucht sie ja vor allem für andere, intellektuell fordernde Sachverhalte - zum Beispiel die Vorbereitung auf die Prüfungen zur Allgemeinen Hochschulreife.

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Zum frühestmöglichen Termin also, schon bei den ersten beiden Weltcuprennen im Oktober, hakte die erfolgreichste Shorttrackerin hierzulande die Verbandsvorgaben ab. Zu einem Zeitpunkt, an dem für die Eis- und Schneeathleten anderer Disziplinen die Wintersaison noch gar nicht begonnen hatte. Das gab ihr Zeit zum Training, aber auch den Freiraum, sich am Sportgymnasium in Dresden gedanklich auf Klausuren, etwa zum Thema Wirtschaftssysteme, zu konzentrieren. Sofern sie in Dresden ist - was in dieser Saison nicht dem Normalfall entspricht.

Athleten, die Abiturienten sind, müssen Sport und Schule sorgfältig verzahnen. Bei Anna Seidel ist diese Koppelung derzeit besonders kompliziert. Das liegt nicht daran, dass sie zwischendurch im November für ein paar Tage nach Schanghai und Seoul düste. Solche Wettkampf-Weltreisen ist sie gewohnt: Sie war vor vier Jahren, als 15-Jährige, bereits bei Olympia, als damals Jüngste im gesamten deutschen Team. Der Grund ist vielmehr, dass die Dresdener Sportgymnasiastin seit dem Sommer in Utrecht wohnt und trainiert. Also mehr als 700 Kilometer von ihrer Eliteschule des Sports entfernt - oder "sieben bis acht Stunden mit dem Bus", wie Seidel sagt.

Der Umzug wurde nötig, weil die Dresdener Bundeskader im Frühsommer ohne Bundestrainer dastanden. Der Vertrag mit dem alten Coach, Miroslav Boyadzhiev, war in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst und in der Vorolympia-Saison so schnell kein neuer aufzutreiben. "Die Sportler hatten viel investiert, und wir konnten sie nicht hängenlassen", sagt Uwe Rietzke, der in der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) als Vizepräsident für Shorttrack zuständig ist. Kurzfristig erklärte sich Wilma Boomstra, die in Utrecht ein Privatteam betreut, bereit, die Trainingspläne zu schreiben; unter der Voraussetzung, dass sich die Dresdener in Holland unter ihre Fittiche begaben. "Keine ganz billige Geschichte", sagt Rietzke, aber der Verband habe ja eine Fürsorgepflicht.

Seitdem wohnt Anna Seidel mit der Kollegin Bianca Walter, 27, die sich ebenfalls in Windeseile für die Winterspiele im Februar qualifizierte, in einem Bungalow nahe Utrecht auf einem Campingplatz. Von der ursprünglichen Kleinbusreisegruppe zogen viele, bis auf Christoph Schubert und Felix Spiegl, wieder zurück. Manchmal bedauert Anna Seidel die große Entfernung zu Bekannten und Freunden: "Ich bin ja jemand, der gern mit Leuten zusammenkommt." Andererseits beginnen ihre Tage früh um sechs Uhr und sind gut ausgefüllt mit Training, Aufräumen, Kochen, Lernen. Viel Zeit bleibe ohnehin nicht.

In Utrecht wird konzentrierter und schneller trainiert - mit weniger Verschnaufpausen

Rietzke lobt Seidels Disziplin. Sie wiederum sagt, dass ihr durch die Flexibilität des Unterrichts in ihrer Schule vieles erleichtert wird: "Die Lehrer sind echt gut, und man darf auch mal um Aufschub bitten." Bücher und Lehrpläne nimmt sie mit auf den Campingplatz, den Stoff muss sie sich dann selbst beibringen, "ähnlich wie in der Uni". Nur selten, zu Klausuren und Prüfungen, fährt sie nach Hause.

Bedauert hat sie den Aufwand nie, weil sie im Eislauf enorm vorangekommen ist. Vor allem technisch, wie sie sagt: Zum Beispiel hat sie die Hüftstellung korrigiert, damit sie schneller um die Kurve saust. Wilma Boomstra habe "einen richtigen Schwerpunkt darauf gelegt, das kannte ich so aus Deutschland nicht". Auch die Trainingsmethodik sei anders, "mit vielen Staffeln, da gab's kein langes Verschnaufen". Und weil die Eiszeiten in Holland oft ein Drittel kürzer sind als in Dresden, werde in der knappen Zeit konzentrierter trainiert.

Ein paar Tage hat Anna Seidel vor dem Jahreswechsel zu Hause bei der Familie verbracht, inzwischen ist sie schon wieder in den Niederlanden. Nächster Termin ist die Europameisterschaft vom 12. bis 14. Januar in Dresden, dann steht anderthalb Wochen vor dem Abflug zu Olympia noch der "große Rückumzug" von Holland nach Deutschland an. Das alles ist minutiös in ihrem Rennkalender geplant. Nach den Winterspielen wird die Strecke weniger kurvenreich, aber nicht weniger anspruchsvoll. Abgewunken wird Anna Seidels lange Rennsaison erst Monate später - mit den Abiturprüfungen.

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