DFB-Ehrengast Daniel Nivel bleibt eine Mahnung

Ein ganz besonderer Zuschauer: Hooligan-Opfer Daniel Nivel beim Spiel der DFB-Auswahl gegen die Ukraine.

(Foto: imago)

1998 fügten deutsche Hooligans dem französischen Polizisten bleibende Schäden zu. Wie aktuell sein Fall ist, zeigen Rechtsradikale, die mit "Heil"-Rufen durch Lille ziehen.

Von Claudio Catuogno, Lille

Es wäre interessant zu erfahren, ob die Männer aus Deutschland, die am Sonntag durch die Innenstadt von Lille zogen, um Ukrainer und unbeteiligte Passanten zu verprügeln, schon mal von Daniel Nivel gehört haben. Ob sie vielleicht sogar Ähnliches vorhatten oder wenigstens in Kauf nahmen bei ihrem Ausflug in die nordfranzösische Stadt. Der Bereitschaftspolizist Nivel, 43 Jahre alt damals, Vater zweier Kinder, wurde während der Fußball-WM 1998 in Lens von deutschen Krawalltouristen fast zu Tode geprügelt. Lens, das nun auch EM-Spielort ist, liegt 40 Kilometer von Lille entfernt. Die Bilder damals machten so fassungslos wie heute jene aus Marseille, wo Russen und Engländer am Samstag brutal aufeinander einschlugen. Nivel lag damals wochenlang im Koma, er kann bis heute kaum sprechen und ist auf einem Auge blind. Als Polizist seinen Dienst tun konnte er nie wieder.

DFB-Präsident Reinhard Grindel verspricht: "Wir werden auch in Zukunft immer für ihn da sein."

Beim Spiel der deutschen Elf gegen die Ukraine war Nivel, 61, am Sonntagabend im Stadion in Lille, zusammen mit seiner Frau Lorette, auf Einladung des Deutschen Fußball-Bundes. Zuvor hatte der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel ihm bei einem Empfang ein Trikot mit den Unterschriften der Nationalspieler überreicht. "Es bedeutet uns sehr viel, dass Daniel Nivel unsere Einladung angenommen und sich über diese Geste gefreut hat", sagte Grindel. "Wir haben nie vergessen, was ihm Deutsche angetan haben, welches Leid über ihn und seine Familie gebracht wurde. Es war uns wichtig, ihm noch einmal persönlich zu sagen, dass wir auch in Zukunft immer für ihn da sein werden."

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Tatsächlich besteht eine enge Verbindung zwischen dem DFB und der Familie. Schon bei der WM 2006 in Deutschland war Nivel bei einem Spiel in Dortmund Gast des DFB, wie auch bei diversen Freundschaftsspielen. Der DFB beteiligt sich finanziell an der Nivel-Stiftung, die sich um Gewaltprävention kümmert. In Leipzig findet jedes Jahr der Daniel-Nivel-Cup statt, ein großes Turnier für Freizeitfußballer.

Und dann sagte Reinhard Grindel am Sonntag noch, dass Nivels Schicksal Mahnung sein müsse, "dass so etwas nie mehr passieren darf". Diese Hoffnung erfüllt sich allerdings bisher nicht bei der EM.

1998, am Rande des Gruppenspiels der deutschen Elf gegen Jugoslawien, hatten sich immer mehr Gewaltbereite zusammengerottet, viele mit rechtsradikalem Hintergrund. Da keine jugoslawischen Hooligans in Lens waren, richtete sich die Aggression bald gegen die Polizisten. Nivel wurde von seiner Einheit isoliert, selbst als er bereits ohne Helm in einer Gasse auf dem Boden lag, wurde er noch mit Tritten und Schlägen traktiert. Filmaufnahmen von der Tat wurden später in diversen Gerichtsprozessen verwendet, vier der mindestens sieben Täter wurden ermittelt und zu Haftstrafen verurteilt.

Sie schlagen auf Unbeteiligte ein

Und diesmal? Ist seitens der Behörden von 100 bis 150 Randalierern in Lille die Rede, auch sie überwiegend mit rechtsradikalem Hintergrund. Sie brüllten "Heil", "Deutschland Hooligans", und "Wir sind wieder einmarschiert". Laut Behördenangaben warfen sie Dosen und Stühle, Augenzeugen berichten zudem, irgendwann hätten sie auf Unbeteiligte eingeschlagen. Mehrere Personen mussten ins Krankenhaus, die Polizei bekam die Lage aber nach eigenen Angaben rasch in den Griff.

Doch Schlimmeres hat wohl auch die deutsche Bundespolizei verhindert. Bei verstärkten Kontrollen hat sie in Rheinland-Pfalz insgesamt 21 Hooligans gestoppt. Zunächst eine 18-köpfige Gruppe einschlägig bekannter Gewalttäter aus Dresden: Die Männer seien in drei Kleinbussen unterwegs gewesen, hieß es, unter anderem mit Sturmhauben im Gepäck. Dann wurden noch drei Hooligans aus Kaiserslautern an der Ausreise gehindert. Die Polizei hält es für möglich, dass sie Randale im Stadion geplant hatten - sie hatten sich unter falschem Namen Tickets beschafft.

Im Sommer 1998, beim nächsten Spiel der DFB-Elf in Montpellier, hing im deutschen Fanblock ein großes Banner mit nur einem Wort darauf: "Pardon". Es waren Fußballfans, die damals vieles wieder repariert haben nach den Gewaltexzessen von Lens. Alles, das wissen Daniel Nivel und seine Familie nur allzu gut, war nicht zu reparieren.

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