Dortmund-Fans zu Gewalt im Stadion Schwieriger Umgang mit Problemkindern

Die Problematik, mit der sich Dortmunds Vorstandschef Hans-Joachim Watzke seit neuestem herumschlägt, hat weniger mit der viel beschworenen Gewaltbereitschaft zu tun. Watzke hat schon vor dem am 12. Dezember mit viel Brimborium verabschiedeten Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) das Stadion mit einer aufwendigen Video-Überwachungstechnik aufrüsten lassen. Die hilft zwar nicht unbedingt gegen die neue Vermummungstaktik von Fans in den Gästeblocks, sorgt aber doch für bessere Kontrolle.

"Die Randale findet ja ohnehin zum allergrößten Teil nicht in den Stadien statt", sagt Watzke, "sondern außerhalb." In Dortmund geht man von "maximal 900 problematischen Fans" aus, also gut einem Prozent der Besucher, von denen der größere Teil eher Mitläufer seien. Die Anhänger der zum Symbol des Fan-Widerstands aufgewerteten Bengalo-Feuer werden von Watzke wie vom Dortmunder Fanprojekt-Leiter Rolf Marewski als "zahlenmäßig noch kleinere Minderheit" identifiziert.

Den Großteil der Fans, auch der 25 000 Hardcore-Fans auf Dortmunds Südtribüne, bringt offenbar die Solidarität mit ihren eigenen Minderheiten in eine unerwartete Bredouille. Vor dem Pokalspiel gegen Hannover 96 am 19. Dezember hatten Watzke, Manager Michael Zorc, Trainer Jürgen Klopp und Teamkapitän Sebastian Kehl in einem ungewöhnlichen offenen Brief an die BVB-Fans appelliert, das Protestschweigen gegen das DFL-Sicherheitspaket zu beenden und zum "gewachsenen Wir-Gefühl" zurückzukehren. Es hagelte gegen den Brief zwar zunächst Proteste aus der Szene, die auf den Mittelblöcken 12 und 13 der Südtribüne zu Hause ist, aber am Spieltag zeigte sich, dass sich die Mehrheit der BVB-Anhänger zum ersten Mal von den Demonstrationen distanzierte. Auch von manchen BVB-Ultras war zu hören: Wir haben es übertrieben und unsere Bedeutung überschätzt.

Die Intellektuellen in der Fanszene von Dortmund, die sich auf Schwatzgelb.de Debatten zum Thema liefern, befürchten inzwischen, dass aus der andauernden Diskussion um die Gewalt einer kleinen Minderheit eine große Spaltung entstehen wird. Hier das Familien-und Normalo-Publikum, dort die gewöhnlichen Abenteuer-Fans, bei denen sich aber eine Solidarisierung mit der kleinsten Gruppe der Outlaws einstellt. Der großen Übermacht von friedlichen und bekanntermaßen kreativen BVB-Fans, ob Ultras oder nicht, fällt es schwer, sich von den Krawallmachern in denselben Vereinsfarben abzusetzen. Ein wichtiger Bestandteil der Anziehungskraft des Stadions ist schließlich das Gemeinschaftsgefühl, das auch Trainer Jürgen Klopp immer wieder für seine Spieler reklamiert. Zu dieser Jugendkultur des "Alle-für-einen", die in Dortmund auch auf dem Rasen zu gelten scheint, passt es naturgemäß kaum, Problemkinder auszugrenzen.

Vergleichsweise leicht scheinen sich der Klub und die Mehrzahl der Fans dagegen mit der Ausgrenzung von Rechtsextremen zu tun. Nachdem der Fall eines angeblich rechtsextremen Ordners beim BVB für Aufregung gesorgt hatte, konterte der Klub kurz vor Heiligabend mit einer mehrseitigen Dokumentation. Kernaussagen: Bei dem verdächtigten Ordner stehe derzeit Aussage gegen Aussage. Bei den letzten Kommunalwahlen in Dortmund erzielte die NPD 1,9 Prozent. Unter den 80 000 im Stadion, so die Einschätzung des Klubs, liege der Anteil Rechtsextremer bei einem Bruchteil dieses Wahlergebnisses. Das Fanprojekt schätzt die aktiv Rechtsradikalen auf "vielleicht vierzig Leute" ein. Dass sich aber rechtsradikale Grüppchen auf der großen Bühne des Stadions zu Propaganda-Zwecken tummeln, sei nicht komplett zu verhindern. Man könne nur gegen Aktivitäten und Plakate vorgehen.

Der Dortmunder NPD-Ratsherr Matthias Wächter, der in den Rat einziehen konnte, weil es auf Kommunalebene in NRW keine Fünf-Prozent-Klausel gibt, gehörte bei den Randalen am Rande des Ruhrderbys gegen Schalke sogar selbst zu den Festgenommenen. Der Klub betreibt derzeit die Durchsetzung eines Stadionverbots für Wächter. Ihm wird vorgeworfen, gemeinsam mit anderen eine Gruppe vorbeiziehender Schalker Ultras mit Gegenständen beworfen und attackiert zu haben. Bewiesen ist auch das noch nicht.

Die Schwiegermutter hat das alles nicht mitbekommen. Sie weiß nicht, was Ultras sind oder Hooligans. Sie liebt Mario Götze und Marco Reus und freut sich über die sonnengelben Fanblocks im Fernsehen und darüber, dass Dortmunds Fans im Bernabéu-Stadion von Real Madrid eine gute Figur gemacht haben. Aber was sich in ihrem Kopf wohl festgesetzt hat, sind die Bilder von den vielen Polizisten und den paar rot-brennenden Fanblöcken.

Die Gute kann nicht wissen, dass es im Dortmunder Stadion so gut wie nie brennt und die allermeisten Leute ihr die Treppenstufen hinaufhelfen würden.