DFB-Niederlage England singt im Weltmeisterland

Was für eine Wendung: Die DFB-Elf führt scheinbar sicher - und verliert noch 2:3 gegen England. Ein frecher Hackentrick von James Vardy ist die Szene des Spiels.

Von Sebastian Fischer

Zuerst war es nur eine kleine Geste von Joachim Löw: Er drehte sich um, lief an seiner Bank vorbei, in Richtung der blauen Tartanbahn des Olympiastadions, und winkte mit der linken Hand ab: Gibt's das? Da hatte sich Thomas Müller doch tatsächlich foppen lassen von einer so simplen wie flinken Bewegung des britischen Stürmers Harry Kane; Müller lief noch immer in die falsche Richtung, als Kane schon längst aufs Tor schoss, als der Ball dann auch ins Tor ging.

Es stand nur noch 2:1 in diesem Spiel gegen England, das die deutsche Nationalmannschaft bis hierhin beherrschte. Und das ihr ab diesem Zeitpunkt dann doch noch entglitt. 2:3 stand es am Ende des EM-Tests. Und Löw saß mit verschränkten Armen auf der Bank und schaute ziemlich bedröppelt.

Löw spricht von einer "Lehrstunde"

"Es ist ärgerlich, klar, ich glaube, das ist vielleicht eine gute Lehrstunde für die Mannschaft gewesen", sagte der Bundestrainer im ZDF und konstatierte: "Generell glaube ich, dass man sagen kann, dass die Engländer das Spiel verdient gewonnen haben". Da half es dann auch nicht mehr, dass seine Mannschaft das Spiel 61 Minuten lang dominiert hatte. Thomas Müller, der, wenn er nicht gerade von Harry Kane gefoppt wurde, eine eher blasse Darbietung gezeigt hatte, stellte sogar ein bisschen die Motivation der Weltmeister in Frage: "In den Testspielen hat man bei uns selten den Eindruck, dass wir an die hundert Prozent rankommen", sagte er.

All die Fragen, die zwischenzeitlich schon beantwortet schienen, waren nach dieser "unnötigen, dummen Niederlage" (Sami Khedira) irgendwie doch wieder offen: Wie geht es der deutschen Nationalmannschaft ohne Jerome Boateng in der Innenverteidigung, ohne den erneut am Innenband verletzten Kapitän Bastian Schweinsteiger zu Beginn dieser Europameisterschaftssaison? Die Antwort: Eine Halbzeit lang: "Gut", danach eher: "Geht so". Wenn überhaupt. Und Löw warnte vor dem Spiel am Dienstag in München gegen Angstgegner Italien, "da kommt jetzt noch einmal ein anderes Kaliber auf uns zu. Die greifen noch früher an, die machen ein wirklich gutes Pressing. Da müssen wir bessere Lösungen haben", sagte er. Die wären auch am Samstag schon nötig gewesen.

Einerseits war da dieser Lauf von Toni Kroos gewesen, Ende der ersten Halbzeit: Er suggerierte Überlegenheot. Dieser Spaziergang durch das englische Mittelfeld, der so leicht aussah. Kroos schoss, einfach mal so, und weil Englands Keeper Jack Butland sich zuvor verletzt hatte, fiel er nur wie eine Bahnschranke um, anstatt den auf die kurze Ecke gezielten Ball aus 20 Metern abzuwehren - das 1:0 (43.).

Und dann Sami Khedira: Mitte der zweiten Halbzeit schob der Mann, der ja eigentlich fürs Grobe im deutschen Spiel eingeteilt ist, seinen rechten Fuß mit so viel Gefühl unter den Ball, dass man ihn für einen Özil oder einen Reus halten wollte, für einen der Ballvirtuosen in der Offensive. Khedira schlenzte den Ball zu Mario Gomez, der ihn mit dem Kopf zum zweiten deutschen Tor des Abends über die Linie drückte (57.). Khedira und Kroos waren auf der nach Schweinsteiger ja angeblich verwaisten Position die besten Spieler auf dem Platz und Gomez traf, der verstoßene und zurückgekehrte Torjäger. Es schienen alle Pläne aufzugehen an diesem Abend.