DFB-Elf Löw wählt den Feinschmecker-Fußball

Vorbereiter und Torschütze: Thomas Müller und Julian Draxler.

(Foto: dpa)
  • Die DFB-Elf besiegt Norwegen in einem starken Spiel mit 6:0 und steht kurz vor der Qualifikation zur WM.
  • Bundestrainer Joachim Löw überrascht damit wieder mit neuer Formation.
  • Tabellen und Ergebnisse finden Sie hier.
Von Johannes Knuth

In der 57. Minute wollte dann auch der Abwehrspieler Mats Hummels an dem fröhlichen Treiben auf dem Stuttgarter Rasen teilhaben. Fünf deutsche Tore waren bereits gefallen in dieser WM-Qualifikationsübung gegen Norwegen, eines betörender als das andere, und nun fühlte sich auch Hummels dazu berufen, eine Bewerbung für einen Treffer zu hinterlegen. Er stellte sich geschickt an, schirmte seinen Gegenspieler ab, leitete eine Flanke Richtung Tor weiter - der Ball strich knapp am linken Pfosten vorbei. Es wäre wohl einer der schönsten Treffer dieses torreichen Montagabends gewesen. Wenn auch für die Norweger.

Es war am Ende eine heitere Fußnote, dass Hummels mit dieser Einlage im eigenen Strafraum die größte Gefahr für die deutsche Nationalelf heraufbeschwor - jener Hummels, der zuvor gefordert hatte, man müsse die Partie nach dem rumpeligen 2:1 am Freitag gegen Tschechien besser kontrollieren. Seine Kollegen kamen dem Auftrag jedenfalls nach, sie schlugen überforderte Norweger 6:0 (4:0). Es war der achte Sieg im achten Spiel, der nur deshalb noch nicht den Zutritt zur WM sicherte, weil Nordirland gegen Tschechien gewann. Ein Zähler ist noch ausstehend, bei zwei Partien. Dafür gönnten sich die Deutschen in Stuttgart auch Wellness fürs Gemüt, nach der rauen Dienstreise in Tschechien. "Wir haben dort nicht unser bestes Spiel gemacht", sagte Julian Draxler, "daher haben wir von Beginn an losgelegt. Für unsere Spielweise hatten wir natürlich auch einen dankbaren Gegner und mehr Räume als sonst." Bundestrainer Joachim Löw assistierte: "Das war eine tolle Stimmung, es hat viel Spaß gemacht in Stuttgart.

Werner wirbelt

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Das zeigt die Schönheit des Fußballs." Löw hatte im Vergleich zum lauwarmen Vortrag in Prag drei Mal gewechselt; Matthias Ginter, Julian Brandt und Lars Stindl rückten aus der Startelf heraus, Draxler, Sebastian Rudy und Antonio Rüdiger hinein. Der Bundestrainer schaffte zudem die zuletzt wackelige Dreierkette ab, komponierte eine Viererreihe mit Hummels und Rüdiger im Zentrum, Joshua Kimmich und Jonas Hector auf den Flügeln. Davor wachten Toni Kroos und in Rudy ein zweiter Sechser, der dem Spiel eine bessere Statik verleihen sollte. Davon profitierten auch die Zulieferer in der Offensive: Thomas Müller, Mesut Özil und Draxler; Timo Werner war erneut einzige Spitze.

Wer auf diese Formation getippt hätte, hätte vermutlich eine schicke Summe aus der Wettstube getragen. Andererseits verwaltet Löw in diesen Tagen ja einen unerhörten Reichtum an hochbegabtem Personal, das er immer wieder neu kombiniert - und dessen einzige Tücke offenbar darin besteht, dass man bei diesem Überfluss an edlen Zutaten ab und zu schon mal etwas schwer Genießbares kocht. Wie gegen Tschechien. Aber gegen Norwegen war Löws Kreation schon wieder etwas für Feinschmecker.

Wie ein Boxer, der den frühen Knockout sucht

Der deutsche Spielaufbau war von der ersten Minute an strebsamer und ziviler, wobei Norwegen auch kaum Expeditionen in die fremde Hälfte unternahm. Rüdiger, Kimmich und Hummels schlugen Flanken diagonal in die Spitze, um die norwegische Zentrale auseinanderzuziehen. Was auch prächtig gelang. Und wenn Özil, Müller und Draxler der Ball doch einmal abhandenkam, hatte es den Anschein, als sei im Spielgerät ein Magnet versteckt, der immer eine Handvoll deutscher Spieler anzog. Die deutsche Führung war dann eine Mischung aus all diesen Tugenden, Hummels verarbeitete einen Ballgewinn vor der Mittellinie, bediente Kroos. Der verlagerte das Spiel auf den linken Flügel, verschaffte Özil so etwas Platz im Zentrum, wo Özil dann die Flanke von Hector in Empfang nahm und sie mit einer Direktabnahme veredelte - 1:0 (10.).

Die deutsche Elf versuchte das Spiel nun gleich zu entscheiden, wie ein Boxer, der den frühen Knockout sucht. Draxler verursachte den zweiten Wirkungstreffer, in der 17. Minute. Wieder stürzte ein langer Ball die norwegische Verteidigung ins Chaos, Werner - im Abseits - legte den Ball zurück auf Özil, am Ende der Verwertungskette wartete Draxler, der sich einmal elegant drehte und flach einschob. Das 3:0 resultierte aus einem Ballgewinn nach frühem Pressing, Kroos trug den Ball nach vorne, Müller leitete den Ball per Hacke zu Werner. Die Zweikampfführung der Norweger erfüllte spätestens jetzt den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung, mit Torwart Rune Jarstein von Hertha BSC als Leidtragenden. Das 4:0 lieferte einen weiteren Beleg. Müller schlug eine Flanke in den Strafraum, Werner, 1,81 Meter groß, stieg ohne Geleitschutz zum Kopfball empor - 4:0 (40.). Norwegen rettete sich mit dem Halbzeitgong in die Pause. "Wenn du keine hundertprozentige Mannschaftsleistung hast, ist es schwer gegen so eine Mannschaft", sagte Norwegens Trainer Lars Lagerbäck später. Er befand, ohne Übertreibung: "Es war eine Lehrstunde für uns."

Löw bezeugte derweil nicht nur "tolle Kombinationen und Tore". Er sah am Montagabend auch wieder eine Elf, die ein Mix aus alten und neuen Zeiten ist - in dem diesmal aber das Beste aus beiden Welten verschmolz. Leon Goretzka, einer der Besten beim jüngst gewonnenen Confed Cup in Russland, vertrat in der zweiten Hälfte Thomas Müller, und fügte sich mit dem Kopfball zum 5:0 in die deutsche Festgemeinde ein. Der geschonte Weltmeister Sami Khedira kam nach einer Stunde für Rudy, Mario Gomez für den jungen Werner; zehn Minuten später drückte Gomez eine Flanke von Kimmich ins Tor. 6:0. Gäbe es im Fußball einen technischen K.o., der Schiedsrichter hätte ihn spätestens jetzt ausgesprochen. Norwegen kam selbst bis zum Schlusspfiff kaum zu Chancen - die beste vergab Hummels mit seinem Beinahe-Eigentor.

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