Deutsche WM-Duelle gegen Argentinien Fünf Schritte Anlauf, mit rechts ins linke Eck

WM-Endspiel in Italien, 8. Juli 1990, 1:0: Es war sein Turnier, Lothar Matthäus hat die WM 1990 mit seiner Dynamik, mit seiner Präsenz so geprägt wie vier Jahre zuvor Diego Armando Maradona. Und so wäre Matthäus der logische Held gewesen. Niemand anders. Doch Matthäus schoss nicht. Er überließ stattdessen Andreas Brehme den Elfmeter, der der deutschen Mannschaft fünf Minuten vor dem Ende in Rom den dritten WM-Titel bescheren sollte. Denn ein kleines Detail wollte sich nicht in diese wunderbare Geschichte fügen. Die Stollen waren aus seinem Schuh gebrochen, den er schon vier Jahre getragen hatte. "Ich musste zur Halbzeit den Schuh wechseln", sagte Matthäus hinterher, "und deswegen war ich mir nicht mehr sicher."

Brehme, sein damaliger Klubkollege von Inter Mailand, war sich sicher. Warum, erklärte Brehme später so: "Man muss sagen: Ich will! Ich will, ich will, ich will! Jeder Elfmeter muss drin sein. Muss!" Oft hat Brehme über diesen Moment erzählen müssen. Fünf Schritte Anlauf, mit rechts schiebt er den Ball flach ins linke Eck, unerreichbar für den argentinischen Torhüter Sergio Goycochea. Und der Druck? Ach, der Druck, antwortete Brehme dann. "Ich habe nicht daran gedacht, was dieser Elfmeter für eine Bedeutung hatte. Ich habe gar nichts gedacht." Lothar Matthäus war zwar der auffälligste Spieler in der deutschen Mannschaft, "der perfekteste war aber Andreas Brehme", sagte Teamchef Franz Beckenbauer.

WM-Viertelfinale in Deutschland, 30. Juni 2006, 5:3 nach Elfmeterschießen: Jedes Spiel hat einen Protagonisten, der es prägt. Wenn Argentinien spielt, ist es heute meist Lionel Messi. Der saß aber in diesem Viertelfinale in Berlin 120 Minuten auf der Bank - sein Trainer José Pekerman hatte es verpasst, den damals 19-Jährigen einzuwechseln. So wurde ein anderer Spieler die prägende Figur an diesem Nachmittag: Torwart Jens Lehman, oder besser noch: Jens Lehmans Spickzettel. Als es nach der Verlängerung immer noch 1:1 stand und das Elfmeterschießen anstand, machte sich der Deutsche auf den Weg zum Tor, in den Händen hielt er ein Stück Papier.

Darauf hatte sein Torwart-Trainer Andreas Köpke die Schussgewohnheiten der Südamerikaner notiert. Nach eingehendem Studium verstaute Lehmann das Zettelchen in seinen Stutzen. Doch nach zwei Stunden Spielzeit schien seine Konzentration schon ein wenig nachzulassen; noch zweimal kramte er den Spickzettel hervor und las ihn demonstrativ auf der Torlinie - vor den Augen der argentinischen Schützen. Der Trick funktionierte. Beide Male hielt Lehmann den Elfmeter. Deutschland zog ins Halbfinale ein.

Größtmöglicher Kontrast

Nach dem wahnwitzigen deutschen Sieg gegen Brasilien bietet Argentiniens Elfer-Triumph über ultradefensive Holländer das genaue Gegenteil. Beide Teams scheitern an essentiellen Ideen des Fußballs - Messi & Co. glauben trotzdem an den großen Coup. Von Thomas Hummel mehr ...

WM-Viertelfinale in Südafrika, 3. Juli 2010, 4:0: 2010 war in Südafrika alles für die große Revanche zwischen Argentinien und Deutschland angerichtet. Der argentinische Trainer Diego Maradona geizte vor der Partie nicht mit markigen Worten; er appellierte an den Nationalstolz und kündigte an, dass die Deutschen den Argentiniern nur hinterherrennen würden. Das Häufchen Elend, das nach dem Spiel in der Pressekonferenz saß, hatte dann wenig mit Großspurigem gemein.

0:4 wurde Maradonas Mannschaft von den Deutschen gedemütigt, Maradona rang nach dem neuerlichen Aus im Viertelfinale nach Worten. Er hätte auch sagen können: "Die Deutschen spielten schlicht grandios." Das Tat er aber natürlich nicht. Dabei war es so gewesen: Die Elf von Joachim Löw ließ den Argentiniern keine Chance und war spielerisch und kämpferisch so überlegen, dass sogar Verteidiger Arne Friedrich sein erstes Länderspieltor feiern durfte. Thomas Müller und zweimal Miroslav Klose erzielten die weiteren Tore in einem Spiel, das Maradona nicht so schnell vergessen wird. Auch weil er taktische Fehler machte. Doch die ließ er unerwähnt.