Deutsche Nationalmannschaft Sami Khedira wehrt sich im Hymnen-Streit

Der deutsch-tunesische Nationalspieler Sami Khedira empfindet die Kritik an den nicht singenden Profis als "teilweise beleidigend". Es sei nicht fair zu sagen, die Spieler mit Migrationshintergrund seien deshalb "keine richtigen Deutschen." Zudem habe die EM bewiesen, dass inbrünstiges Singen keine Garantie für Siege sei.

Von Thomas Hummel

Die Debatte um die Hymnen-Mitsingpflicht schwappt bereits über die Grenze. Marcel Koller, Nationaltrainer Österreichs, musste am Dienstag in Wien die Frage beantworten, ob denn seine Spieler das schöne Lied mit den Anfangsstrophen "Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome" mitsingen müssten. "Dass es nicht wichtig ist, mitzusingen, würde ich nicht sagen. Aber ich will die Spieler nicht dazu verpflichten, das ist ihre persönliche Sache", antwortete er diplomatisch.

"Teilweise beleidigend"

Einen Tag nach Bundestrainer Joachim Löw hat auch Sami Khedira die Diskussion um eine Hymnen-Pflicht für deutsche Fußball-Nationalspieler als überflüssig bezeichnet. Gleichzeitig empfindet er die Kritik als beleidigend und nicht gerechtfertigt. mehr ...

Nun bringt es der österreichischen Öffentlichkeit wenig, zu hinterfragen, ob es sich bei Marcel Koller um einen guten Österreicher handelt. Er ist Schweizer. Bei Mesut Özil, Jérome Boateng, Lukas Podolski oder Sami Khedira ist die Sachlage etwas komplizierter. Sie spielen für Deutschland Fußball, sind Nationalspieler, haben aber auch Wurzeln in anderen Ländern. Sie singen die Hymne vor einem Länderspiel nicht mit, aus verschiedenen Gründen, die teils nichts mit ihrer Herkunft zu tun haben, teils schon.

Nachdem Bundestrainer Joachim Löw am Montag deutlich Stellung gegen die Mitsingpflicht bezogen hatte, zog nun Khedira nach. "Das Thema wird künstlich aufgebauscht, um irgend einen Grund zu suchen, warum wir gegen Italien verloren haben", sagte er bei einer Pressekonferenz vor dem Testspiel gegen Argentinien in Frankfurt. "Bei uns Spielern stößt das auf Unverständnis. Wir sind hart und teilweise persönlich kritisiert worden. Das war nicht die feine englische Art, es war teilweise beleidigend."

Der 25-jährige Stuttgarter, Sohn eines tunesischen Vaters und einer deutschen Mutter, klagte wie schon Löw darüber, es sei der Eindruck entstanden, wer die Hymne nicht singe, sei kein guter Deutscher. "Als wir 2009 U21-Europameister wurden, da waren acht Spieler mit Migrationshintergrund in der Mannschaft - da wurden wir alle gelobt, auch 2010 bei der WM. Für mich ist ein guter Deutscher, wer die Sprache spricht, die Sitten und Werte des Landes annimmt. Und das tut jeder einzelne von uns. Uns auf das Nichtsingen der Hymne zu reduzieren und zu sagen, wir sind keine richtigen Deutschen, das ist nicht fair."

Am 28. Juni im Warschauer Nationalstadion waren einige deutsche Spieler wie immer andächtig und mit geschlossenem Mund auf dem Rasen gestanden, während die Kapelle "Einigkeit und Recht und Freiheit" spielte. Auf der anderen Seite hatten die Italiener inbrünstig die "Fratelli d'Italia" besungen. Wie sie sangen, so spielten sie dann auch, die einen inbrünstig und die anderen andächtig. Die Schlüsse wurden schnell gezogen.

Seitdem hat der deutsche Fußball die Hymnendebatte am Hals. Politiker von CDU und CSU wie Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann oder auch der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder forderten die Spieler auf, zu singen. Sonst sollten sie daheim bleiben. "Ich kann nicht für die DFB-Auswahl auflaufen und alle Vorteile einstreichen wollen, dann aber so tun, als wäre ich nur ein halber Deutscher", schimpfte Mayer-Vorfelder.

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