Debatte bei der Squadra Azzura Berlusconi macht es vor
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"In der italienischen Umkleidekabine hält sich der Mief der Homophobie", klagte der Corriere della Sera. Protestiert gegen Cassanos Aussetzer haben die Homosexuellenverbände und eine homosexuelle, in Deutschland verheiratete Parlamentarierin. Der Fußball schwieg. "Für uns war das nie ein Problem, weil es keine Homosexuellen gab", erklärte Gianni Rivera, 68, italienischer Nationalspieler von 1962 bis 1974.
Man muss Antonio Cassano, dem "Coatto" aus der Altstadt von Bari, zugute halten, dass er die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat. Denn bis vor wenigen Monaten gehörte es in Italien zum vorherrschenden Ton, abfällig über Homosexuelle zu reden. Der frühere Regierungschef Silvio Berlusconi machte es vor: "Besser Parties mit vielen jungen Mädchen als schwul sein." Berlusconi ist von der politischen Bühne abgetreten, aber immer noch Besitzer des AC Mailand. Und damit Cassanos Arbeitgeber.
Was gestern in gewissen Kreisen noch in Ordnung zu sein schien, ist im gegenwärtigen Italien tabu. Nicht jeder Fußballer kommt da so schnell mit. Es ist noch gar nicht lange her, da protestierte ein sehr gläubiger Minister der Republik Italien gegen eine Reklame des schwedischen Möbelriesen Ikea, die zwei Männer zeigte, Hand in Hand. Das sei "widernatürlich und verfassungswidrig". Und die Werbung verschwand.
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Muss die Nationalmannschaft politisch reifer sein als der Rest des Landes? Wünschenswert ist das, der Begriff der Vorbildrolle ist angestaubt, aber zutreffend. Prandelli arbeitet aufrecht und entschlossen an Haltung und Image der aktuellen Fußballer-Generation, aber er hat ein schweres Erbe angetreten. Denn seine Vorgänger im Amt drückten sich erfolgreich davor, eindeutig Position zu beziehen. Dino Zoff schwieg über das Thema Homosexualität hinweg, Giovanni Trapattoni redete einfach über etwas anderes, Marcello Lippi behauptete, ein schwuler Spieler sei ihm in all den Jahren noch nie untergekommen.
Von Cesare Prandelli aber wird erwartet, dass er die Azzurri in jeder Beziehung auf einen neuen Kurs bringt. Plötzlich sollen sie nicht nur guten Fußball spielen, sondern auch moralisch integer sein und politisch progressiv. Da bleibt ihm eigentlich nur, Antonio Cassano abseits des Platzes ein wenig Nachhilfe zu erteilen. Und im zweiten EM-Gruppenspiel gegen Kroatien in Posen vielleicht einen anderen Stürmer aufzubieten. Die Squadra Azzurra besteht schließlich nicht nur aus "Coatti".