Debatte bei der Squadra Azzura Italiens Kabine mieft nach Homophobie

Ein vulgärer Clown, der 600 Frauen erobert haben will: Italiens Angreifer Antonio Cassano provoziert - auch mit schwulenfeindlichen Sprüchen. Statt über das zweite Gruppenspiel gegen Kroatien diskutiert das Land jetzt über Homophobie in der Nationalelf. Dabei wollte Trainer Cesare Prandelli das Team aus der reaktionären Ecke holen.

Von Birgit Schönau

Es wird Zeit, dass die Welt ein neues italienisches Wort lernt: Coatto. Die Menschheit hat unter wüsten Flüchen "Catenaccio" schreiben gelernt, manche sogar "Cappuccino", die üblichen Fanatiker können sogar "Olio extravergine" buchstabieren. Da ist "Coatto" eine leichte Übung. Es entstammt dem lateinischen "Coactus", wird genauso ausgesprochen wie geschrieben und beschreibt ursprünglich einen Kleinverbrecher unter Hausarrest. In seiner modernen Version ist der "Coatto" ein nicht vollkommen unsympathischer, intellektuell aber eindeutig zu kurz gekommener Vorstadtrowdy, der erstaunlich geschmacklose Kleidung trägt und gern dummes Zeug daherredet. Beides nicht aus Überzeugung. Er weiß es schlicht nicht besser.

Eigentlich ist der "Coatto" eine moderne Maske der Commedia dell'Arte, ein vulgärer Clown, der den anderen den Spiegel vorhält, indem er sich nicht eine Sekunde nach den Regeln des bürgerlichen Anstands benimmt. Pasolini machte ihn zur literarischen Figur, und in der Squadra Azzurra ist er naturgemäß genauso verbreitet wie im richtigen Leben. Dort hatte am Dienstagmittag ein bekennender "Coatto" seinen Auftritt: Antonio Cassano.

Vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Kroatien an diesem Donnerstag war der Mittelstürmer vom AC Mailand zur Pressekonferenz abkommandiert worden. Was folgte, war eine "Coatto"-Show.

"Ich wusste, dass diese Frage kommt", freute sich Cassano: "Prandelli hat mich vorgewarnt." Die Frage war eigentlich ein Gerücht. Der italienische Fernsehmoderator Alessandro Cecchi Paone, selbst bekennender Homosexueller, hatte behauptet, in der Squadra Azzurra spielten mindestens zwei Homosexuelle und ein bisexueller Profi. Ob der Moderator "dabei" gewesen sei, wollte Cassano wissen und schüttelte sich vor Lachen. Nächste Frage: Weißt du etwas über Homosexuelle in der Nationalmannschaft? "Ach, wenn ich sagen würde, was ich denke . . .", versetzte Cassano und fuchtelte kokett in der Luft herum. Und dann: "Schwule in unserer Mannschaft? Ich hoffe nicht. Aber wenn es Schwule gibt, ist das ihr Problem."

Danach hatte Cassano ein Problem. Auf dem Platz, beim 1:1 gegen Spanien, hatte er am Sonntag wenig gebracht. Eine ansehnliche erste Halbzeit, dann war die Puste schon weg. Im November war der Süditaliener, der im Juli 30 Jahre alt wird, am Herzen operiert worden. Nach sechsmonatiger Pause kehrte Antonio Cassano zurück. Und dann berief Cesare Prandelli das notorische Enfant terrible des italienischen Fußballs zum Turnier. Den Mann, der in seinen vorzeitig verfassten Memoiren angab, 600 Frauen erobert zu haben. Deutlich mehr als er an Toren für sich zählte. Und der seine erstaunliche Karriere so einordnet: "Wäre ich nicht Fußballer geworden, hätte ich die Kriminellen-Laufbahn eingeschlagen."

Prandelli ist der Gegenteil des "Coatto". Zu einem Buch des Moderators Cecchi Paone hatte der 54-jährige Fußballtrainer kürzlich das Vorwort geschrieben. Homophobie sei auch nur eine Abart des Rassismus, findet Prandelli. Homosexuelle Sportler lud er ein, "sich zu outen". Das kann er nach Cassanos Auftritt wohl vergessen. Die Azzurri stehen jetzt wieder da, wo sie die längste Zeit standen: In einer eher reaktionären Ecke der Gesellschaft. Wettaffären ja, Schwulsein nein. Brillantohrringe ja, Männer lieben nein.

Kapitän Gianluigi Buffon wurde sogar nachgesehen, dass er, natürlich in aller Unschuld, T-Shirts mit rechtsextremen Zeichen überstreifte. Erst jüngst, beim Besuch in Auschwitz, hat er sich dafür entschuldigt. Betroffen waren die Azzurri da, manche weinten. Über die Verfolgung von Homosexuellen wurde aber ganz offensichtlich nicht gesprochen. Dabei repräsentiert die Squadra Azzurra ein Land, dessen Kino einen der ergreifendsten Filme zu diesem Thema hervorgebracht hat: Ettore Scolas "Ein besonderer Tag" mit den Nationalmonumenten Sophia Loren und Marcello Mastroianni.

Man kann sich vorstellen, wie Cesare Prandelli seinen Stürmer nachher ins Gebet genommen hat. Stunden nach seinem Auftritt entschuldigte sich Cassano. Schriftlich: "Ich bin nicht homophob, ich wollte niemand verletzen, ich will die sexuelle Freiheit aller nicht zur Disposition stellen. Ich erlaube mir nicht, über andere zu urteilen." An der Wortwahl konnte man deutlich erkennen: Kein echter Cassano. Eher ein echter Prandelli.

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