Daniel Baier "Das wird mir nicht mehr passieren"

Lernte einst im ersten Profitraining Thomas Häßler kennen: Augsburgs Kapitän Daniel Baier.

(Foto: imago/Philippe Ruiz)

Augsburgs Kapitän Daniel Baier spricht im SZ-Interview über seine Entgleisung gegenüber Leipzig-Trainer Ralph Hasenhüttl, Neid im Profifußball - und über ein würdevolles Altern als Profi.

Interview von Matthias Schmid, Augsburg

Daniel Baier gehört zu den ältesten Feldspielern in der Bundesliga. Dabei ist der Kapitän des FC Augsburg erst 33 Jahre alt. Für 1860 München, den VfL Wolfsburg und Augsburg hat er mehr als 400 Profispiele bestritten. Ein Gespräch über das Älterwerden im Profifußball. Über Neid, eine folgenreiche Begegnung mit Weltmeister Thomas Häßler und seine Entgleisung gegen Ralph Hasenhüttl.

SZ: Herr Baier, können Sie sich noch an Ihr erstes Profitraining erinnern?

Daniel Baier: (lacht) Das ist schon sehr lange her. Fast 15 Jahre. Ich weiß aber noch, dass ich einen Anruf bekam und sehr aufgeregt war, weil mir mitgeteilt wurde, dass ich oben mittrainieren darf. Ich war noch Jugendspieler bei 1860 München und dann stand ich plötzlich vor einem leibhaftigen Weltmeister wie Thomas Häßler. Das war ein absolutes Highlight für mich, auch wenn ich von dem einen oder anderen ordentlich auf die Socken bekommen habe.

Haben Sie einen Ton rausbekommen?

Ich war ganz ruhig und zurückhaltend, weil ich ja zu den Profis aufgeschaut habe. Es war immer mein Ziel, da mal dabei zu sein. Ich wollte halt ein bisserl etwas zeigen, aber hatte einen Riesenrespekt davor.

Ist Häßler auf Sie zugekommen?

Natürlich, die haben sich alle gefreut. Damals war es noch etwas Besonderes, dass ein Jugendspieler mittrainiert hat. Ich war 18 Jahre alt und bin immerhin schon mit dem Auto zum Training gefahren.

Aber die Tore, Bälle und Wasserflaschen mussten Sie tragen?

Das ist auch heute noch so, dass die Jungen schauen müssen, dass alles für das Training bereitsteht. Das war und ist eine Selbstverständlichkeit. Aber woran ich mich noch gut erinnern kann, ist, dass wir schon ziemlich gehypt wurden in der Saison danach bei Sechzig. Benny Lauth, Andreas Görlitz und ich als Jüngster. Wir hatten in München schon sehr viel Medienpräsenz, obwohl ich als ganz junger Spieler im Gegensatz zu den andern beiden noch nichts geleistet hatte.

Gab es da keinen Neid der Etablierten? Timo Werner hat neulich davon erzählt, dass er den als 17-Jähriger von den Älteren beim VfB zu spüren bekommen hat.

Ich weiß nicht, wie die anderen denken. Ich kann nur für mich sprechen und ich freue mich, wenn die Jüngeren im Vordergrund stehen und die Mannschaft besser machen. Solange der Alfred (Finnbogason, die Red.) drei Tore wie gegen Köln schießt, soll er dafür jeden Tag gefeiert werden. Er hat uns ja enorm damit geholfen. Die Neiddebatte ist ohnehin ein deutsches Thema, finde ich. Hier sind viele Menschen auf andere neidisch, ich kann damit nichts anfangen. Ich freue mich für jeden, der es in irgendeiner Branche zu etwas bringt.

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Treten die Jüngeren heute selbstbewusster auf?

Stilistisch in jedem Fall, oder auf Instagram (lacht). Manche fahren auch schon mit einem dicken Auto vor. Das gab es zu meiner Zeit alles nicht. Aber das ist natürlich auch eine Typfrage, es gibt auch welche, die so ruhig und bescheiden auftreten, wie ich es damals getan habe.

Es heißt ja immer, dass die jüngeren Spieler alles hinterfragen und jede Übung erklärt bekommen wollen. Ist das so?

Ich habe früher beim Trainer auch nachgefragt, wenn ich etwas genauer wissen wollte. Aber mir fällt auf, dass sie bewusster für ihren Sport leben und extrem in ihren Körper hineinhören. Sie achten auf ihre Ernährung, sie machen zusätzliches Training, manche haben sogar eigene Physiotherapeuten und Athletiktrainer engagiert. Da hat sich viel verändert. Es gab damals aber auch schon Spieler, die zusätzlich viel gemacht haben. Daniel Bierofka zum Beispiel. Aber heute ist das alles noch mal auf einem viel höheren Niveau.

Sind die jungen Spieler heute reifer als Sie früher?

Ich wusste schon auch, was ich wollte. Aber ich habe weder auf meine Ernährung geachtet noch zusätzliche Stabilitätsübungen gemacht. Ich hatte auch keinen eigenen Physiotherapeuten oder Athletiktrainer.

Machen die Jungen mit ihrem Perfektionismus die Älteren besser?

Das würde ich nicht sagen. Es ist auch der Zeitgeist, du kriegst heute viel mehr angeboten vom Trainerteam oder vom Verein, noch mehr in deiner Freizeit zu tun. Es hat sich in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren sehr viel verändert in der Trainingswissenschaft. Wir machen das mittlerweile alle so und hätten das wohl auch schon früher getan, wenn es diese Trainingsmethoden gegeben hätte.

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Ist der Fußball mit seinen wissenschaftlichen Einflüssen komplizierter geworden?

Finde ich schon, die Trainer und die Mannschaften machen es sich gegenseitig sehr schwer, weil wir immer neue Ideen haben. Ob es besser ist, weiß ich nicht. Aber es ist alles schneller, individueller und taktischer geworden. Das ist elementar. Du kannst nicht nur auf dich schauen. Das kann vielleicht der FC Bayern noch. Aber auch unter Pep Guardiola haben sie häufiger im Spiel die Taktik gewechselt und sind auf den Gegner eingegangen. Früher hatte ich das Gefühl, dass man nicht so flexibel war und einfach weitergespielt hat, auch wenn es nicht funktioniert hat. Heute stellt man um und es läuft tatsächlich besser.

Dauern die Traineransprachen deshalb inzwischen länger?

Inhaltlich ist es schon ganz anders. Es wird viel mehr auf die Taktik eingegangen, es wird viel mit Videoanalysen gearbeitet, um auf jeden Spieler individuell eingehen zu können. Früher hat es auch mal länger gedauert, aber du hast dann einen Anschiss bekommen, weil du nicht in die Zweikämpfe gekommen bist. Heute bekommst du mit Bildern erklärt, warum du nicht in die Zweikämpfe gekommen bist.

Gehen da nicht die Freiheiten im Spiel verloren, die Individualität?

Ich finde es gut, dass es feste Pläne gibt, Automatismen und Vorgaben, damit du weißt, wie du den Gegner bespielen kannst. Das gibt einem ein gutes Gefühl. Aber natürlich hast du nach wie vor die Freiheiten, individuell etwas zu probieren. Das wird ja auch von den Trainern gewünscht.

Auch die werden immer jünger. Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco, Hannes Wolf und Ihr Coach Manuel Baum sind kaum älter oder sogar jünger als ihre Spieler. Muss man sich da umstellen als älterer Profi?

Für mich ist das normal und macht für mich keinen Unterschied. Es geht nur darum, wie man miteinander umgeht. Respektvoll. Als Spieler weiß man, dass der Trainer immer das Sagen hat. Aber ich merke an mir, dass es mittlerweile einen engeren Kontakt zwischen Trainer und Spieler gibt, dass auch ich nach meiner Meinung gefragt werde.