Carlo Ancelotti Einblicke in eine sehr verletzte Seele

"Ich freue mich, dass ich endlich wieder italienisch sprechen kann": Carlo Ancelotti - hier noch als Bayern-Trainer.

(Foto: AFP)
  • "In 22 Jahren als Trainer habe ich nie schwierige menschliche Beziehungen gehabt", sagt der ehemalige Bayern-Trainer Carlo Ancelotti.
  • In Turin erhält er einen Literaturpreis - dabei deutet er vieles an und sagt alles.
Von Birgit Schönau, Rom

Die Bayern? "Schon Vergangenheit." Das schöne München? "Ich freue mich, dass ich endlich wieder italienisch sprechen kann." In den zehn Tagen nach seinem Rauswurf beim FC Bayern hat Carlo Ancelotti schon eine Trophäe gewonnen und nicht eine, sondern zwei Mannschaften trainiert. Letzteres im Trikot des AS Rom, wo Ancelotti von 1979-87 selbst Spieler war: Sein erster Termin als (Luxus-) Arbeitsloser führte ihn nach Jerusalem, zu einem von der Roma veranstalteten Turnier mit arabischen, israelischen und armenischen Jugendlichen.

Fußball als Friedensstifter, mit dem naturgemäß sehr friedlichen Carletto auf der Bank. Und weil man vor Kindern sowieso kein böses Wort fallen lässt, hielt Ancelotti vorbildhaft nur die andere Wange hin: "Die Münchner haben gesagt, ich bin zu weich und halte kein anständiges Training ab? Bitteschön, sollen sie doch sagen, was sie wollen. Ich halte es mit diesem italienischen Dichter, für den Schweigen eine Tugend war."

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Welcher Dichter war das noch mal? Sicher nicht Dante, der Verbannte. Manzoni, Pirandello, Leopardi? Ancelotti schweigt. Vielleicht meinte er sich auch selbst, denn beim zweiten Termin kassierte er tatsächlich in Turin den italienischen Fußball-Literaturpreis mit dem klingenden Namen "Premio Nazionale Letteratura del Calcio 'Antonio Ghirelli'".

Ancelottis Seele ist ohne Frage sehr verletzt

Ganz allein hatte Ancelotti das prämiierte Werk "Quiet Leadership" zwar nicht geschrieben. Aber egal, die Italiener wissen, was sie an ihrem Carletto haben. Und eine ruhige Hand beim Entscheiden schätzen sie sowieso, beim Fußball und, eine unerfüllte Sehnsucht, in der Politik.

Politik? Da winkt Ancelotti ab, "das sind zwei getrennte Welten. Ein Trainer soll den Trainer machen." Aber zu den Bayern mochte er in Turin jetzt doch etwas sagen. Oder vielmehr: andeuten. "Ich wäre (zur Preisverleihung) auch gekommen, wenn ich nicht aus München verjagt worden wäre, aber offenbar wollte man dort sicher sein, dass ich auch pünktlich bin." Und dann ließ Carletto, der Friedliche, tiefer in seine Seele blicken. Denn diese Seele ist ohne Frage sehr verletzt.