Boris Becker im Interview "Julia Görges hat mich sehr beeindruckt"

Boris Becker (Archivbild).

(Foto: dpa)

Zum Start der Australian Open spricht Boris Becker über die Chancen der Deutschen, seinen Ex-Schützling Novak Djokovic und das extreme Wetter.

Interview von Gerald Kleffmann, Melbourne

Boris Becker hat aufgehört zu zählen. So genau weiß er nicht mehr, wie oft er schon bei den Australian Open war. Als Spieler war er bereits als Teenager in Melbourne, zweimal siegte er als Erwachsener (1991 im Finale gegen Ivan Lendl, 1996 gegen Michael Chang), zweimal später auch als Trainer an der Seite von Novak Djokovic (2015, 2016). Nun ist er zum zweiten Mal nach 2017 als Experte für den TV-Sender Eurosport im Einsatz, über Dubai flog der 50-Jährige zum ersten Grand-Slam-Turnier der Saison, das an diesem Montag beginnt. Ein Gespräch über das fordernde Wetter bei den Australian Open, die Favoriten, die Chancen von Julia Görges und Angelique Kerber sowie einen Rat an seinen früheren Spieler Djokovic.

SZ: Herr Becker, das erste Grand-Slam-Turnier der Tennissaison steht an. Sie gewannen zweimal. Was verbinden Sie selbst bis heute mit den Australian Open?

Boris Becker: Man nennt ja Melbourne gerne den Happy Slam, es ist das freundlichste Grand-Slam-Turnier. Das hat zwei Gründe. Auf der einen Seite sind die Spielerinnen und Spieler nach der Winterpause heiß auf Tennis; heiß, endlich wieder dem Beruf nachgehen zu können. Und heiß auf das Wetter. Auf der anderen Seite ist das Turnier wirklich sehr familienfreundlich und spielerfreundlich. Bei keinem der vier Grand Slams gibt es eine so fürsorgliche Unterstützung für die Spieler wie in Melbourne. Das gilt für alle, die dort zu tun haben - auch für die Journalisten, wie für mich als Eurosport-Experte. Das ist eine Reise, auf die sich jeder freut. Abgesehen von den 24 Stunden im Flugzeug.

Melbourne hat ein extremes Klima. In dieser Woche gingen die Temperaturen mal wieder hoch und runter. Wie fordernd ist dieses Wetter für die Profis?

Das ist speziell in Melbourne ein Problem, dass sich das Wetter selbst an einem Tag mehrmals stark verändern kann. Melbourne wird ja auch als Stadt der vier Jahreszeiten bezeichnet. Das sind Herausforderungen für die Spieler, die es zu bewältigen gilt. Zum Glück gibt es mittlerweile die Regel, dass etwa bei zu großer Hitze die Matches unterbrochen oder nicht mehr angesetzt werden. Zumindest auf den Außenplätzen. Die großen Arenen haben ja ein Dach. Am nächsten Morgen kann es dann wieder 18, 19 Grad sein. Das hat Einfluss auf das Spiel, die Schläger, die Saite, den Ballsprung. Je kühler, desto schneller spielt sich ein Platz, je heißer, desto langsamer. All das sind Dinge, auf die man sich in Melbourne vorbereiten muss. Wenn man das kann. Grundsätzlich ist es aber immer schwer, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, weil man über 14 Tage Höchstleistungen bringen und sieben Mal gewinnen muss. In Australien hat man eben auch das Wetter als Gegner.

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Bei den Männern scheint die Lage klar zu sein: Der Schweizer Roger Federer, der vor einem Jahr in Melbourne nach einer halbjährigen Verletzungspause triumphal zurückgekehrt war, ist der Gejagte - oder? Zumal einige Etablierte fehlen, wie der Schotte Andy Murray, der Anfang 2017 die Nummer eins war.

Grundsätzlich tippe ich immer auf den Titelverteidiger - und das ist Roger Federer. Auf der anderen Seite ist er jetzt 36 einhalb Jahre jung. Das heißt, irgendwann wird auch er den Schritt langsamer werden. Noch gibt es keine Anzeichen, aber irgendwann wird das garantiert passieren. Richtig ist, dass einige fehlen, Murray, Kei Nishikori. Dafür gibt es viele sehr gute Junge, die sich irgendwann mal zeigen und einen Grand Slam gewinnen müssen. Vielleicht ist das jetzt in Melbourne der Fall. Ich meine damit Spieler wie Alexander Zverev, Dominic Thiem, Nick Kyrgios. Sie sind stark genug, schon in Melbourne die Trophäe zu heben.

Der 20 Jahre alte Hamburger Zverev ist schon die Nummer vier der Welt. Dabei hat er noch Luft nach oben, bei Grand Slams stand er etwa erst einmal in einem Achtelfinale, 2017 in Wimbledon.

Das müsste auf jeden Fall seine Motivation sein, 2018 weiter zu kommen. Was das Grand-Slam-Jahr 2017 angeht, war es mangelhaft. Auf der anderen Seite hat er mit fünf Turniersiegen, darunter zwei Masters-Siegen, bewiesen, dass er absolute Weltspitze ist. Seine Grand-Slam-Bilanz lag bislang nicht am Können. Es lag daran, dass man sich als junger Profi an diese Dauer von 14 Tagen gewöhnen muss. Man kann nicht in jedem Match hundertprozentig fit sein oder sein bestes Tennis spielen. Man muss auch mal gewinnen, wenn man nicht so gut spielt. Das machen die Federers und Nadals noch besser. Aber für mich ist ein Erfolg von Zverev eine Frage der Zeit. Es kann sein, dass es jetzt schon losgeht. Ich halte es nicht für ausgeschlossen.

In den vergangenen zehn, 15 Jahren prägten die Big Four - Federer, Rafael Nadal, Andy Murray, Novak Djokovic - die Spitze. Kann 2018 ein Jahr werden, in dem diese Dominanz nachhaltig endet und die Rangliste viele überraschen wird?

In der zweiten Jahreshälfte 2017 gab es ja schon Anzeichen vieler Veränderungen. Es gibt eine Wachablösung. Vor einem Jahr noch hat man Nadal und Federer nicht zugetraut, dass sie so nach ihren Verletzungen zurückkommen und auf diese Weise dominieren. Vielleicht werden wir wieder überrascht und sehen zwei ganz neue ganz vorne. Aber solange Federer und Nadal gesund sind und auch Djokovic wieder gesund wird, sind sie bärenstark. An diesen Spielern führt kein Weg vorbei. Die muss man schlagen, um ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.