Boateng und Hummels beim FC Bayern Zwei Professoren beim Abendspaziergang

Selbstkritisch: Jérôme Boateng und Mats Hummels, hier eine Szene aus dem Spiel bei Hertha BSC.

(Foto: imago/photoarena/Eisenhuth)
  • Der FC Bayern besiegt Celtic in der Champions League, doch in der WM-erprobten Innenverteidigung läuft es noch nicht rund.
  • Das liegt auch daran, dass Boateng und Hummels nach langer Verletzungszeit noch nicht eingespielt sind.
Von Matthias Schmid

Wer hätte nach dem 3:0 in der Champions League gegen Celtic Glasgow nicht gerne die Gedanken von Jérôme Boateng lesen können? Der Bayern-Abwehrspieler hielt sich unweit von Joshua Kimmich auf, sah also zu, wie sein jüngerer Mitspieler mächtig aufgedreht wirkte, den Fans zuwinkte, von Müdigkeit keine Spur. Vielmehr drängte sich der Eindruck auf, dass dieser Kimmich am liebsten noch ein paar Medizinbälle ins Publikum geworfen hätte, so kraftvoll und energiegeladen wirkte der Außenverteidiger noch am späten Mittwochabend.

Was macht dieser verrückte Kimmich da nur, musste sich Boateng gedacht haben. Er selbst lief gemächlich über den Rasen, ein bisschen müde wirkte er, abgekämpft. Als er den Fans in der Südkurve applaudieren wollte, brachte er seine Arme nur sehr mühsam über dem Kopf zusammen. Fast in Zeitlupe.

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Neustart für Boateng beim FC Bayern

Hinter dem Innenverteidiger lag ja ein Spiel mit mehr als 90 Minuten, das erste in dieser Saison. Boateng, 29, muss erst wieder an das Spitzenniveau herangeführt werden, jede Minute tut ihm gut nach einer längeren Leidenszeit mit Verletzungen an Schulter und Oberschenkel. "Das Ganze hat mich sehr mitgenommen und hat viel Kraft gekostet, körperlich und mental", gab Boateng im Interview mit dem Focus zu. Erschwerend hinzu kam, dass er sich vom mittlerweile entlassenen Trainer Carlo Ancelotti übersehen fühlte. Boateng dachte sogar laut darüber nach, den Klub im Sommer zu verlassen. Es war eine bleierne Zeit, der Start des neuen Trainers Jupp Heynckes ist auch ein Neustart für Boateng. "Wir haben Spaß am Fußball und wollen uns verbessern", sagte er nach dem Spiel.

Für Boateng gilt das ganz besonders, das merkte man ihm an. Die Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel mit Co-Abwehrchef Mats Hummels fehlte, diese ästhetische Leichtigkeit, die seinen Stil auszeichnet, die natürliche Autorität, die Gegner einschüchtert und die ihn zur prägenden Figur bei der Weltmeisterschaft machte. Auch seine Diagonalpässe über 40, 50 Meter, die das Spiel so beschleunigen können, landeten am Mittwochabend überall im Stadion, nur nicht beim Mitspieler. Boateng winkte oft resigniert ab, auch Hummels entschuldigte sich für manchen seiner eigenen Bälle, der das Ziel verfehlte.

Die Wiedervereinigung des erfolgreichen WM-Duos wird noch länger andauern, das wissen alle Beteiligten. Vor allem in der Schlussphase, als die Schotten mit Tempo und Raum auf die Bayern-Abwehr zuliefen, konnten das weder Boateng noch Hummels so richtig verhindern. "Am Ende haben wir dem Gegner zu viele Torchancen gelassen", gab Boateng selbstkritisch zu, "das müssen wir besser zu Ende spielen und ein besseres Positionsspiel haben." Manchmal wirkten Boateng und Hummels sogar so dynamisch wie zwei Professoren beim gemeinsamen Abendspaziergang, es knarzte und quietschte in den mehrfach reparierten Sehnen und Bändern. "Mir fehlt noch ein bisschen die Kraft und Dynamik über 90 Minuten", erklärte Boateng in einem Kicker-Interview, "das sollte aber in den nächsten ein bis zwei Wochen kommen."

Darauf hofft auch Trainer Heynckes, der die Schwächen in der Rückwärtsbewegung bemängelte und noch mal daran erinnerte, dass Spiele zu null für ihn absolute Priorität haben. Die nächsten Partien gegen Leipzig im DFB-Pokal und in der Bundesliga sowie in Dortmund werden zeigen, wie belastbar und stresserprobt die eigentlich beste Innenverteidigung der Welt schon wieder ist. Aber zunächst folgt die Partie in Hamburg. Da dürften Boateng und Hummels noch mal Gelegenheit bekommen, sich in Ruhe einzuspielen.

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