Beschlüsse der Ethikkommission Die seltsamen Prioritäten der Fifa

Die neu zusammengestellte Ethik-Kommission beschränkt sich auf den Fall Bin Hammam - dabei gibt es auch um Fifa-Boss Sepp Blatter drängende Entscheidungen. Vor allem Michael Garcia hat den Ruf, sich von seinen Vorgesetzten zu sehr vereinnahmen zu lassen.

Von Thomas Kistner

Seit Monaten kreist die PR-Arbeit des Fußballweltverbandes nicht mehr um Messi und Ronaldo, sondern um Michael Garcia und Hans-Joachim Eckert. Kaum benannt für ihre Kammern in der zweigeteilten Ethik-Kommission, versicherten die Juristen via Fifa-Website ihre Unabhängigkeit. Dann vollzogen sie eine erste Amtshandlung: 90 Tage Sperre für Mohamed Bin Hammam. Der Katarer ist seit Mai 2011 gar nicht mehr im Fußball tätig, hatte es zuvor aber gewagt, Fifa-Präsident Sepp Blatter im Wahlkampf zu fordern. Dabei stolperte er über eine Korruptionsorgie in der Karibik, deren Initiator er gewesen sein soll; eine Million Dollar wurde an 25 Funktionäre verteilt. Die Fifa sperrte ihn lebenslang, sein damaliger Wahlhelfer Jack Warner trat flink zurück - und Blatters Wiederwahl im Juni 2011 war geritzt.

Mohamed bin Hammam, einst Blatters Vertrauter, mittlerweile einer seiner größten Gegenspieler.

(Foto: AP)

Dass damals auch jene Karibik-Funktionäre abstimmten, die gerade eine Schmiergeld-Million abgeräumt hatten, prüften die Fifa-Ethiker nie. Okay fanden sie auch, dass Blatter kurz vor Bin Hammams Karibik-Tour selbst diese Hemisphäre mit einer Dollar-Million beschenkt hatte, ohne Wissen des Fifa-Vorstandes. Als das im heißen Wahlkampf aufflog, stellte es Blatter als Entwicklungshilfe dar. Dabei durfte er laut Statut für seinen Wahlkampf weder Mittel noch Personal der Fifa benutzen.

Drängende Themen? Nicht für die Fifa-Spezialethiker. Was die Frage aufwirft, welche Rolle Garcia und Eckert spielen sollen - vor allem Garcia. Denn der US-Anwalt hat den zentralen Part als Ermittler inne, während der Münchner Richter Eckert als Chef des Fifa-Gerichts nur über das richten kann, was Garcia liefert.

Garcia, der gerade ein Verfahren gegen Bin Hammam eröffnete, war ein Vorschlag des Fifa-Chefreformers Mark Pieth. Und er ist Teil eines wuchernden Personalgeflechts aus Interpol-Leuten um Blatter. Ehemalige Interpol-Kader führen den Fifa-Sicherheitsdienst; gern stärkt die Polizeibehörde auch Freund Pieth öffentlich den Rücken. Interpol-Chef Ronald Noble überraschte im Vorjahr, nur drei Wochen vor der Fifa-Wahlfarce, die Sportwelt. Seite an Seite mit Blatter, als er eine 20-Millionen-Euro-Spende der Fifa für sein Polizeiorgan bekannt gab. Zweck: die Bekämpfung von Wettbetrug. Mit der Annahme der Spende zog Interpol viel Kritik aus Politik und Polizeibranche auf sich. Egal, beim Fifa-Kongress im Mai in Ungarn trat Noble sogar auf die Bühne und warb heftig für die Reform von Pieth und Blatter. Warum?

Nun stößt Garcia dazu. Er war Bundesstaatsanwalt von Manhattan bis Ende 2008, Georg W. Bush hatte ihn 2005 berufen. Danach zog er in eine Chicagoer Kanzlei um. Während Pieth und Fifa Garcias Ermittlerqualitäten preisen, gibt es in den USA auch andere Stimmen. Sie erinnern daran, dass Garcia Chef der Ermittlungsbehörde zu jener Zeit war, als die Wall Street implodierte. Scott Horton, Rechtsprofessor an der Columbia Law School, teilt der SZ mit: "Er war zuständig, als 2008 das Fehlverhalten und der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers erfolgten. Tatsächlich lief in seinem letzten Jahr als US-Anwalt das ab, was heute als umfassendstes Aufsichtsversagen in der Geschichte der Wall Street gilt - und diese Aufsichtsfunktion lag in seiner persönlichen Verantwortung."

Horton, der Garcia und andere Staatsanwälte für eine Filmdokumentation studierte, sagt, er wolle dessen Verdienste als Ermittler nicht anzweifeln. "Jedoch hat er auch den Ruf, dass es ihm an Unabhängigkeit mangelt - er machte Karriere, indem er tat, was seine Bosse wollten." Solche Vorwürfe, die Jurist Horton immer wieder international erhob, ließ der medienscheue Garcia abperlen.

Nun fließen unbekannte Summen des Weltfußballs an den Anwalt, dazu ein Millionenbetrag an den US-Wirtschaftsdetektiv Louis Freeh. Die Fifa will ihre vor dem Welt-Sportgerichtshof Cas gescheiterte Sperre gegen Bin Hammam erneuern. Freeh hatte dem Katarer nachgespürt, doch der Cas kassierte den Spruch und zog, so zeigt das Urteil, die Rolle der Fifa in Zweifel. Diese habe, statt ihre Beweise und Zeugen zu stärken, versucht, die Urteilsfindung zu verzögern - unter Verwendung eines Berichts von PricewaterhouseCoopers (PwC). Die Buchprüfer hatten den Fußball-Verband Asiens AFC untersucht, den Bin Hammam zehn Jahre lang geführt hatte.