Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel "Der DFB sitzt da wie ein Buddha"

Seit einer Woche in der Freiburger Kommission: Fritz Sörgel

(Foto: dpa)

Dopingvorwürfe erschüttern den deutschen Fußball. Fritz Sörgel ist Mitglied der Expertenkommission, die den Fall untersucht. Er erklärt, warum er es dreist findet, dass ein Kollege die Ergebnisse veröffentlicht - und warum er bezweifelt, dass der DFB zur Aufklärung beiträgt.

Von Lisa Sonnabend

Vor einer Woche rückte der Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel in die Evaluierungskommission, die die Doping-Vergangenheit an der Universität Freiburg untersucht. Nur wenige Tage später ist die Aufregung groß. Das Kommissionsmitglied Andreas Singler veröffentlichte Belege, die zeigen, dass in den siebziger und achtziger Jahren bei den Fußballvereinen VfB Stuttgart und SC Freiburg Anabolika verabreicht worden sein sollen. Der Pharmakologe Sörgel ist über den Alleingang des Kollegen alles andere als begeistert.

SZ.de: Herr Sörgel, warum ist es Ihrer Meinung nach falsch, dass Andreas Singler vorgeprescht ist?

Fritz Sörgel: Das Verhalten von Singler ist dreist. Letizia Paoli (die Vorsitzende der Kommission; Anm. d. Red.) hat uns Mitglieder mehrmals darauf hingewiesen, dass jetzt noch nichts publiziert werden darf. Die Kommission wollte ungestört und sachlich arbeiten, nicht das Spektakuläre in den Vordergrund stellen. Das Vorpreschen von Singler schadet der Kommission.

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Warum genau?

Singler wusste wohl: Fußball und Doping - da werden die Leute auf ihn hören. Ein Teil des Spektakulären ist jetzt bekannt. Der Abschlussbericht der Kommission wird frühestens Ende des Jahres veröffentlicht werden. Natürlich wird bis dahin noch einiges entdeckt werden und es auch noch einiges zu klären geben. Möglicherweise auch Entlastendes. Das alles wurde ja nur bekannt, weil Paoli und das Kommissionsmitglied Gerhard Treutlein nie nachgegeben haben und an Akten gelangt sind, die lange als verschollen galten, möglicherweise auch zurückgehalten wurden.

Laut diesen Akten soll der Sportmediziner Armin Klümper in den siebziger und achtziger Jahren Spieler beim VfB Stuttgart und SC Freiburg mit Anabolika versorgt haben.

Die Ergebnisse sind wirklich interessant und bemerkenswert. Sie haben eine ganz andere Qualität als all das, was bislang bekannt war. Ich kann aber keine weiteren Details nennen, die die Kommission zutage gefördert hat. Mich als Pharmakologe interessiert dabei vor allem, was der Arzt Klümper alles verabreicht hat, was er sich dabei gedacht hat und wie das alles wirkte. Ich musste sofort an Frau Dressel denken.

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Birgit Dressel starb 1987 im Alter von 26 Jahren - möglicherweise an Dopingfolgen. Sie war eine Patientin von Armin Klümper.

Als ich mir beim Fußballspielen in der Freizeit ein Kreuzband gerissen hatte, war ich einmal selber Patient bei Klümper. Ich erinnere mich noch, dass er mir eine Unmenge an Medikamenten aufgeschrieben hatte, auch ein radioaktives war dabei. Die Liste war eine halbe Seite lang. Ich wollte möglichst schnell wieder Fußball spielen. Deswegen verstehe ich auch Karlheinz Förster (Spieler beim VfB in dem von Singler genannten Zeitraum; Anm. d. Red.), der bei Klümper war und vor kurzem gesagt hat: Wenn man wieder fit sein wollte, habe man auch mal was Unvernünftiges gemacht. Ich habe lieber die Sportart gewechselt, als irgendwas von der Liste auch nur in Erwägung zu ziehen.

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Seit einer Woche sind Sie nun in der Kommission. Wussten Sie, worauf Sie sich einlassen?

Kommissionsarbeit ist überall schwierig und lädt wegen der unterschiedlichen Interessenlage bei den Mitgliedern zu Intrigantentum geradezu ein. Freilich, dass die erste Woche mir den Atem anhalten ließ, das hätte ich nicht gedacht. Ich wollte ja nur meine Arbeit tun. Als Frau Paoli mich gefragt hatte, habe ich keinen Moment gezögert. Es ist eine ehrenvolle Aufgabe. Ich will mir ein genaues Bild davon machen, wie an einer Universität ein System derart lange bestehen konnte und wie sie jetzt damit umgeht. Freiburg strebt danach Exzellenzuniversität zu werden - dann bitte in allen Bereichen, auch bei der Aufklärung der Dopingvergangenheit. Man hat meines Erachtens den Ruf schon genug beschädigt.