Abschiedsspiel von Michael Ballack Letzter Auftritt des Leitwolfs

Mit zunehmender Karrieredauer hat er immer mehr das Gefühl gehabt, sich rechtfertigen zu müssen. Doch Michael Ballack ist eine historische Figur. Gut wäre deshalb, wenn die Deiche wirklich halten - und der 36-Jährige zu seinem Abschiedsspiel kommt. Er hat sich eine große Bühne verdient.

Ein Kommentar von Christof Kneer

Am Dienstag hat die Stadt Halle an der Saale die Händel-Festspiele wegen Hochwassers abgesagt, die Stadt Leipzig hingegen hat alles getan, um die Austragung der Ballack-Festspiele zu gewährleisten. Für Michael Ballack dürfte das ein letzter, kleiner Trost sein. Heißt das nicht, dass er bedeutender ist als dieser Händel, der ja offenbar auch kein Schlechter war und vielleicht sogar ein Führungsspieler?

Aber jene zahlreichen internationalen Stars, die anlässlich der Händel-Festspiele eingeladen waren, können jetzt alle zu Hause bleiben. Die internationalen Stars, die sich Ballack zu seinem Abschiedsspiel eingeladen hat, werden dagegen anreisen, und wenn die Deiche halten, werden sie auch spielen.

Besser, schlechter, größer, kleiner - solche Kriterien sind Ballack mit den Jahren immer wichtiger geworden. Mit zunehmender Karrieredauer hat er immer mehr das Gefühl gehabt, sich rechtfertigen zu müssen, und wer die Streitfälle seiner letzten Jahre Revue passieren lässt, mag sich fast wundern, dass dieser große Spieler überhaupt noch ein Team zusammenbekommt, das "Ballack & friends" heißt. Der alte Leitwolf hat es sich mit vielen verscherzt auf den letzten Metern, das ist wahr. Aber wahr ist auch, dass ihn zuvor so viele geärgert haben, dass er anfing, um sich zu schnappen.

Michael Ballack ist eine historische Figur. Er ist es nicht nur wegen seines epochalen Kopfballspiels oder seiner geschichtsträchtigen Torgefährlichkeit. Er ist es, weil er mitten in eine Zeitenwende hineingeraten ist. Als Ballacks Karriere begann, trugen die Talente den Helden folgsam die Koffer. Als seine Karriere endete, kannten die Talente keine Helden mehr. Sie trugen auch keine Koffer mehr. Sie stellten nur noch Ansprüche.

Ballack hat diesen Trend nie ernst genommen, er hat ihn für unmännlich gehalten, und er ist davon ausgegangen, dass der deutsche Fußball schon noch merken würde, was er davon hat. Jetzt muss er mit ansehen, wie der deutsche Fußball ohne ihn jenen Champions-League-Titel gewinnt, der ihm nie vergönnt war. Gut deshalb, dass die Deiche offenbar halten - und dem Abschiedsspiel nichts im Wege steht. Denn jener Mann, der dem deutschen Fußball in der Rumpel-Ära mehrfach das Leben rettete, hat eine große und trockene Bühne verdient.