21. November 2012 13:29 Gewalt im Münchner Fußball Schiri-Rücktritt nach Morddrohungen

Von Andreas Liebmann

Chaos im Münchner Fußball: Weil Schiedsrichter in den unteren Klassen Morddrohungen erhalten, legen der Obmann und sein Stellvertreter ihre Ämter nieder. Sie haben genug von der Gewalt auf Münchner Fußballplätzen - und können die Sicherheit ihrer Leute nicht mehr gewährleisten.

Der Unparteiische ist immer der Verlierer: Schiedsrichter sind ständig Attacken von Fans und Profis ausgesetzt.

(Foto: dpa)

Es ist eine dieser Szenen, die wohl viele Fußball-Schiedsrichter schon gesehen haben - im besten Falle wachen sie danach schweißgebadet auf. Doch was der Leiter der U-17-Partie des FC Eintracht München gegen den ESV Freimann am vergangenen Samstag sah, war real: Noch während er einen laufenden Angriff verfolgte, merkte er, dass in seinem Rücken etwas nicht stimmte, er drehte sich um und sah eine Massenschlägerei. In mehreren Gruppen gerieten Spieler aneinander, Zuschauer rannten aufs Feld, der Unparteiische sah in diesem Chaos keine andere Chance: Er flüchtete in die Kabine.

"Er hat das einzig Richtige getan", findet Hans-Jürgen Schreier. Schreier ist der verantwortliche Obmann der Schiedsrichtergruppe Dachau, und er ist heilfroh, dass seinem Kollegen nichts passiert ist. "Zum Glück war das ein ganz erfahrener Mann", sagt er. Kaum auszudenken, wenn es einer seiner vielen Nachwuchsschiedsrichter gewesen wäre, der sich in Schlichtungsabsicht in den Pulk hineingewagt hätte. Ähnlich wertet auch Schreiers Stellvertreter Andreas Hitzlsperger den Fall: "Er kam unbeschadet davon, weil er die Flucht ergriffen hat." Einige Beteiligte habe der Referee noch ausmachen können; rote Karten zu zeigen, habe er sich nicht mehr getraut.

Dieser Fall ist einer von vielen und er ging glimpflich aus, dennoch ist er der letzte, den Schreier und Hitzlsperger mitverantworten wollen: Beide sind am Montag von ihren Ämtern zurückgetreten, unabhängig voneinander, wie sie betonen. "Wir können die Sicherheit unserer Leute nicht mehr gewährleisten", sagt Hitzlsperger. Er habe nicht die Kraft dazu, auf den ersten Anruf zu warten, dass einer seiner jungen Kollegen ins Krankenhaus gebracht worden sei. Ähnlich argumentiert Schreier: "Man muss Angst haben, dass Schlimmeres passiert. Wir haben eine Verantwortung." Er fühle sich nun von einer Last befreit. Die Schiedsrichtergruppe Dachau wird regelmäßig auch im Münchner Norden eingesetzt, und beide, Hitzlsperger und Schreier, teilen die Überzeugung, dass das Maß der Gewalt seit Jahren zunimmt. Sie fühlen sich ungenügend geschützt.

Mit den beiden ist auch Schiedsrichter Daniel Maurer zurückgetreten, er war in Dachau Einteiler für Jugendspiele. "Er hat resigniert", sagt Schreier. Die Schiedsrichterzahlen gehen bayernweit zurück. Maurer hatte vergangene Woche ein A-Jugendspiel geleitet, er bekam dort Morddrohungen. "Er hat mir mitgeteilt, dass er abends Angst habe, aus dem Auto zu steigen", sagt Hitzlsperger. "So weit sind wir schon." Es ist nicht das erste Mal, dass der Bruder des ehemaligen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger auf die Gewaltproblematik im Münchner Amateurfußball aufmerksam macht. Vor knapp elf Monaten hatte er in der Süddeutschen Zeitung zu diesem Thema Stellung bezogen. Danach sei er vom Bayerischen Fußball-Verband zum Rapport bestellt worden. "Ich lasse mir den Mund nicht verbieten", sagt er.

Seither habe es viele Vorkommnisse auf den Plätzen gegeben, die nicht an die Öffentlichkeit gelangt seien, intern aber habe er immer wieder Hilferufe an höhere Funktionäre verfasst - meist ohne Reaktion. Auch er selbst habe Morddrohungen abbekommen, von einem Fußballer bei einem Kreisligaspiel im Mai. "Ich mache dich kalt, du Wichser", sei er angeschrien worden. "Ich weiß, wo du wohnst. Du wirst dich wundern, was mit dir und deiner Familie passiert."

Schreier sagt: "Wir waren einsame Rufer im Wald." In seinem Rücktrittsschreiben, das der SZ vorliegt, reißt er einige aktuelle Fälle an (siehe Kasten), er schreibt von einer "Spirale der Gewalt" und einer "dramatischen Situation im Schiedsrichterwesen". Vor allem beklagt er, dass die Sportgerichte zu milde Urteile fällten: "Warum werden keine harten Strafen ausgesprochen, damit eine abschreckende Wirkung erzielt wird?", fragt er.

Diese Kritik ist nicht neu, auch Hitzlsperger hat sie vor Monaten geäußert. Er fordert, die Vereine mehr in Haftung zu nehmen, Punktabzüge auszusprechen, um das Abschreckungspotenzial zu erhöhen. Doch Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes, bestritt schon damals, dass die Sportgerichte eine mildere Linie verfolgten als früher, und nun versichert auch der Bezirksvorsitzende Horst Winkler, dass es keine Vorgaben an die Gerichte gebe. Gleichwohl, sagt er, setze der Verband weniger auf Abschreckung als auf Sozialarbeit und Konfliktmanagement. "Strafen werden die Situation nicht ändern." Man setze auf die etwa 16 Konfliktmanager im Kreis München.

Winkler bedauert die Rücktritte der "wertvollen Mitarbeiter", wenngleich er zu Hitzlspergers Rücktritt wohl beigetragen hat. In einem Schriftverkehr hatte er eine These bestritten, die Hitzlsperger offensiv vertritt: dass es in München "Problemvereine" gebe, die quer durch alle Mannschaften immer wieder auffällig würden; wo seine Kollegen Angst hätten, sich gar weigerten, eingesetzt zu werden. Und das seien keineswegs nur ausländische Vereine aus den Brennpunkten, wie er betont, "das hat damit nichts zu tun". Winkler wehrte sich dennoch gegen diese Pauschalisierung.

Wobei: Recht viel anders klingt es bei ihm auch nicht. Er werde demnächst anregen, "bei Vereinen, wo Gewaltbereitschaft eher zu vermuten ist", vermehrt Spielbeobachter einzusetzen. Diese Strategie habe schon einmal zum Erfolg geführt. Zwar habe sich die Arbeit für die Sportgerichte "die letzten zwei bis drei Wochen gehäuft", er sehe das aber nicht so dramatisch wie die Dachauer. Für die habe er zwar Verständnis, doch er halte es nicht für "zweckmäßig, vor den Problemen davonzulaufen". Gerade Hitzlsperger sei doch einer gewesen, der den Kampf annehmen wollte.

Der Bezirksvorsitzende versichert: "Es ist nicht so, dass wir zur Tagesordnung übergehen, im Gegenteil: Bei uns schrillen die Alarmglocken. Nur: Die zwei Kollegen waren wohl ein bisschen verzweifelt."

Vermutlich waren sie das, weil sie sich mehr Unterstützung erhofft hatten. Inwieweit das Konfliktmanagement greife, sagt Schreier, könne er nicht beurteilen, darüber erfahre man nicht viel. Er könne nur beurteilen, was auf den Plätzen passiere. In seinem Rücktrittsschreiben erinnert er an einen Vorfall aus dem Jahr 2009, den Hitzlsperger "eine Watschn" nennt: In einem Wiederholungsspiel, bei dessen Erstaustragung ein Dachauer Schiedsrichter attackiert worden war, habe BFV-Präsident Rainer Koch zugeschaut. Er trug den Schal jenes Vereins um den Hals, der damals Hitzlspergers Kollegen angegriffen hatte.