1. FC Nürnberg im Abstiegskampf Der Club will kein Depp mehr sein

Die Bundesliga-Saison ist für den FCN eine Art Intelligenztest: Die Nürnberger haben sich vorgenommen, den Abstiegskampf ohne die alten Krisenreflexe zu bewältigen. Der Trainer wird neuerdings ebenso wenig infrage gestellt wie die Transferpolitik - doch trotzdem ist vor den letzten beiden Partien des Jahres der Druck auf das junge Team hoch.

Von Christof Kneer

Es klopft an der Tür von Martin Baders Büro, der Trainer steht draußen. Dieter Hecking macht ein Gesicht, als gäbe es den nächsten Verletzten zu vermelden, aber das kann natürlich nicht sein. So viele Verletzte gibt es ja gar nicht. Beim 1. FC Nürnberg haben sie ohnehin so viele Krankmeldungen zu bearbeiten, dass es schon an seelische Grausamkeit grenzt, unter diesen Umständen Trainer zu sein. Dieter Hecking macht eine kurze Pause, dann sagt er: "Knöcherner Ausriss, vier Wochen Gips." Martin Bader sagt: "Nee, oder?"

Juri Judt hat sich also auch noch verletzt, im Training, einfach so, ohne jeden Zweikampf. Judt war zuletzt kein großer Faktor in dieser Mannschaft, aber am Samstag, in Leverkusen, hätte Hecking den Reserve-Rechtsverteidiger gut gebrauchen können, denn der Stamm-Rechtsverteidiger Timothy Chandler ist gesperrt. Das ist schon deshalb lästig, weil auch Stamm-Linksverteidiger Javier Pinola verletzt ist. Der Reserve-Linksverteidiger, Marvin Plattenhardt, hat zuletzt zwar nicht viel Nützliches zum Club-Spiel beigetragen, aber in Leverkusen würde Hecking ihn schon gerne aufstellen, er hat ja sonst keinen Linksverteidiger mehr.

Aber: Plattenhardt zieht's an den Adduktoren. Und Tomas Pekhart, einziger Stürmer von Format, hat Grippe. "Zwei große Fragezeichen" setze er hinter die beiden, sagt Hecking und meint, er warte lieber mal ab, "wer überhaupt in den Bus steigt". Das klingt, als erwarte er, dass vorher noch schnell eine mysteriöse Syndesmoseband-Epidemie oder ein Kreuzband-Virus angeflogen kommt, oder es entzünden sich noch fünf bis sechs Schambeine. Weiß man's? Beim Club weiß man's zurzeit nicht.

Der 1. FC Nürnberg ist nicht der erste Klub der Welt, den eine Verletzungsserie heimsucht, aber der Rest der Welt ist den Nürnbergern im Zweifel egal. Der Club ist der einzige Klub der Welt, dessen Spieler, ob gesund oder verletzt, Clubberer heißen. Der Club ist etwas Spezielles, und Club-Anhänger wissen, dass das nicht immer ein Vorteil sein muss. Wenn der psychisch und physisch angeschlagene 1. FC Nürnberg am Samstag in Leverkusen verliert, wäre das nicht schön, aber irgendwie normal. Verliert er aber im Dienstag im Pokal-Lokal-Derby gegen den ambitionierten Zweitligisten Greuther Fürth, dann wäre das so unnormal, dass eine Adduktorenzerrung dagegen ein nachrangiges Übel wäre.

Die letzten beiden Vorrunden-Spiele könnten darüber entscheiden, ob sich der inzwischen so seriöse 1. FC Nürnberg innerhalb von vier Tagen in den folkloristischen, unberechenbaren Club zurückverwandelt. Ob der Verein in seinen Genen plötzlich den Hang zum Chaos wiederentdeckt. Vor einem Szenario mit zwei Niederlagen fürchten sie sich ein bisschen beim Club, denn natürlich kennen Bader und Hecking die Wege, auf denen sich das Chaos in dieser modernen Welt heranschleicht.

Namenlose Motzereien aus den Tiefen der Internetforen dringen in die anonyme Fanszene ein, schwappen von da ins Stadion, in die Öffentlichkeit, in die Medien - von da ist es nicht mehr weit bis vor die Sitzungstüren der Gremien. In denen könnte die Unzufriedenheit schnell einen Namen erhalten, den des Trainers, und dann . . .

"Ich weiß noch, dass ich eine Frau und zwei Kinder habe!"

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