Wilde Stadt Auf explosiven Pfaden durchs Naturparadies

Verwunschen und verwildert: Die Alexander-Batterie auf der Vallisaari-Insel vor Helsinki

(Foto: Ninaras / CC-by-4.0)

Die Insel Vallisaari bei Helsinki ist nicht irgendein Nationalpark. Bis vor Kurzem lagerte die finnische Armee hier 300 Tonnen Munition. Nun wappnet man sich für die nächste Invasion: durch Touristen.

Von Steve Przybilla

Schatzsucher leben auf Vallisaari gefährlich. "Wenn Sie hier buddeln, fliegen Sie in die Luft", warnt Henrik Jansson und zeigt auf das Schild mit dem durchgestrichenen Spaten. Der Parkranger, ein Mittvierziger mit Vollbart und Reflektorjacke, nimmt seinen Job ernst. So gerne er Besuchern die überwucherten Militärbaracken auch zeigt, so sehr muss er auf ihre Sicherheit achten. Denn Vallisaari, eine kleine Insel vor Helsinki, ist nicht irgendein Nationalpark. In dem Naturparadies lagerte die finnische Armee bis vor wenigen Jahren mehr als 300 Tonnen Munition: Bomben, Torpedos, Patronen - so ziemlich alles, was man für den Krieg benötigt, stapelte sich in den Bunkern von Vallisaari. Und manchmal auch unter freiem Himmel.

Jahrhundertlang war Vallisaari militärisches Sperrgebiet. Die Insel ist nicht einmal 100 Hektar groß, liegt aber strategisch günstig. Schon im 17. Jahrhundert errichtete die schwedische Armee, die damals noch den Landstrich kontrollierte, einige Kasernen auf Vallisaari. Später baute das russische Zarenreich die Insel zur Festung aus. Als Finnland 1917 seine Unabhängigkeit erlangte, wechselten abermals die Flaggen. Nur eines blieb immer gleich: Vallisaari, die verbotene Insel, durfte von Normalbürgern nicht betreten werden.

Durch die jahrhundertelange Isolation der Insel konnte sich die Natur ungehindert ausbreiten

Heute geht alles ganz einfach. Nicht einmal 30 Minuten braucht die Fähre, um von Helsinki nach Vallisaari zu gelangen: eine halbe Stunde, um die Betriebsamkeit der Metropole gegen die Einsamkeit einzutauschen. Das bunte Gewusel am Hafen, die Akkordeonspieler, die Marktstände, die kreischenden Möwen - all das ist auf Vallisaari vergessen. Als die Fähre die Anlegestelle erreicht, ist es, als hätte jemand die Lautstärke stumm gestellt. Selbst Vögel scheinen das ehemalige Sperrgebiet zu meiden. Nur der kalte Wind pfeift unablässig, weshalb Henrik Jansson sogar im Hochsommer eine Jacke trägt.

"Wir haben hier Großes vor", sagt der Parkranger, während er auf den verlassenen Hafen zeigt. Seit die Armee vor drei Jahren abgezogen ist, bereiten sich die Behörden auf die nächste Invasion vor: die der Touristen. "Hier werden sie ankommen und sich zu Hunderten über die ganze Insel verteilen", schwärmt Jansson. "Wichtig ist, dass wir schon jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen." Beim Hafen ist das durchaus gelungen: Ein Steg führt zu einer Imbissbude, in der Blaubeersaft und Limo verkauft werden. Daneben Picknicktische, Sonnenstühle und ein Grill, auf dem ein paar Würstchen brutzeln. Alles vor dem Hintergrund dichter Laubbäume, die der Insel einen urwäldlichen Touch verleihen. Fehlen nur die Besucher.

Gerade einmal ein Segelboot hat an diesem Tag angelegt, und auch am neu errichteten Imbiss hält sich nur eine Person auf: der Grillmeister selbst. Dabei ist die Ausgangslage für Tourismus auf Vallisaari gar nicht schlecht. Durch die jahrhundertelange Isolation konnte sich die Natur dort ungehindert ausbreiten. Eintausend Schmetterlingsarten leben auf der Insel, darunter viele, die anderswo vom Aussterben bedroht sind. Wer Glück hat, sieht in der Dämmerung einen Schwarm Fledermäuse vorbeiflattern. Oder erfreut sich an den vielen pittoresken Backsteinkasernen, die am Wegesrand stehen. Schon nach ein paar Hundert Metern tauchen sie auf, zugenagelte, verbarrikadierte Zeugen einer längst vergessenen Ära. Im Offizierswohnheim hängen sogar noch Gardinen.

SZ-Karte

(Foto: )

Während die alten Häuser verfallen, kommen nach und nach neue hinzu. Zwei Männer in gelben Overalls nageln eine hölzerne Sauna zusammen. Ein anderer Trupp ist damit beschäftigt, Wegweiser aufzustellen. "Das sind Strafgefangene", erklärt Parkranger Jansson. "Aber keine Sorge, die sind nicht gefährlich. Das gehört alles zur Resozialisierung." Offiziell kommuniziert wird die Herkunft der Arbeiter allerdings nicht - das könnte Besucher verschrecken. Andererseits darf die Nationalparkbehörde nicht zu wählerisch sein, was ihre Arbeitskräfte angeht, denn sie braucht jeden Mann. Wege ausschildern, Ruinen absichern, Aussichtsplattformen bauen - ein enormer Aufwand bei knappem Budget. "Wenn jemand eine Million investieren und was Schönes bauen will, ist er herzlich willkommen", sagt Jansson. Kein Scherz.

Die gröbsten Arbeiten sind schon erledigt, die meisten Wanderwege angelegt. Ein Kieselsteinpfad führt zu einem verlassenen Munitionsdepot, in dem nun Fahrräder stehen. "Das sind Fat Bikes", präzisiert Oskari Hokkanen, dem die Verleihstation gehört. Das Besondere daran? "Die Reifen sind extrem breit, damit man im Gelände gut vorankommt", schwärmt der 35-Jährige. Außerdem seien solche Modelle "einfach hip, sogar in der Stadt". Viel zu tun hat Hokkanen an diesem Vormittag nicht. Er putzt seine Fahrräder, ölt ihre Ketten - und wartet auf Kunden. "Die kommen schon noch", sagt der junge Unternehmer. "Wer einen solchen Ort komplett neu entwickelt, braucht eben Geduld."

Mika Miettunen, der Eisverkäufer von nebenan, sieht es ähnlich. Er spricht vom "next big thing", der nächsten großen Sache, die auf Vallisaari entstehe. Dafür habe er sogar seinen einträglichen Job als Banker aufgegeben. "In zwei, drei Jahren werden wir das Business so richtig rocken", sagt der 44-Jährige in perfektem Englisch. "Dann geht es hier mehr ab als auf allen anderen Inseln." 96 000 Besucher hat die Nationalparkbehörde in der vergangenen Saison zwischen Mai und September 2016 auf Vallisaari gezählt; von 2020 an sollen jedes Jahr eine halbe Million Menschen kommen. Die Idee: Bloß nicht zu tief stapeln; immerhin liegt die Metropolregion Helsinki mit 1,4 Millionen Einwohnern direkt vor der Haustür.

Keine Hobbithäuser, sondern Bunker.

(Foto: Steve Przybilla)

Gleichzeitig ist von der Nähe der Großstadt nichts zu spüren. Wie ein Bollwerk der Ruhe thront Vallisaari in der Ostsee. Immer wieder tauchen Lagerhallen im Dickicht auf, jeder Schritt eine Zeitreise, jedes Haus ein historisches Monument. "Das da war ein russisches Plumpsklo", sagt Parkranger Jansson und zeigt auf einen Bretterverschlag, der auch nach 200 Jahren noch funktionstüchtig aussieht. Dahinter ein Grashügel, in dem ein Bunker eingelassen ist: "Hier werden wir Cafés und Kneipen installieren", sagt Jansson. "Das wird ein Kulturparadies mit Ausstellungen, Konzerten und allem anderen, was junge Leute mögen."