USA, Land der Fettnäpfchen Völlig maßlos

Die genauen Maße dieser Flagge? Nun, auf jeden Fall beträgt das Seitenverhältnis 10:19.

(Foto: AFP)

Die USA verwirren mit ihren ungewohnten Längen- und Mengenangaben, sogar Ziffern tanzen aus der Reihe. Und nicht einmal die eigene Wohnung liegt da, wo unsere Autorin sie vermutet.

Von Beate Wild, San Francisco

Gerade zurück aus Florida, bin ich mit meiner Freundin Kimberly in einer Bar im Mission District von San Francisco verabredet. "Und, wie war das Wetter?", fragt sie. "Ziemlich heftig, 35 Grad", antworte ich. Kimberly starrt mich einen Augenblick entgeistert an, dann bricht sie in Lachen aus.

Ich habe wieder einmal den Europäer-Fehler gemacht: die Temperatur in Celsius angegeben statt in Fahrenheit. 35 Grad Fahrenheit sind nicht einmal zwei Grad Celsius, was für Florida im August doch recht ungewöhnlich wäre. In Fahrenheit hätte ich richtig sagen müssen: 95 Grad. Aber bei derart hohen Temperaturangaben denke ich eher an siedendes Teewasser und nicht an den Sommerurlaub. Und außerdem: Die Wetterinfos entnehme ich meinem Smartphone, das immer noch in Celsius rechnet. So viel Nostalgie muss sein. Kimberly lacht trotzdem.

Bloß nicht anstoßen

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Doch nicht nur die Temperaturen lassen sich kaum richtig einschätzen. Neulich im Möbelhaus. Ich laufe durch die Gänge, entdecke ein Sideboard und will überprüfen, ob es ins Wohnzimmer passt. Blöd nur, dass auf dem Schild steht: 47 1/4 x 15 3/4 x 29 1/8". Inch, na toll. Natürlich hatte ich zu Hause mit einem alten Maßband in Zentimeter nachgemessen. Was tun? Das Handy zücken und mit einem Internetkalkulator umrechnen? Könnte funktionieren, doch das Netz reicht nicht bis in die Tiefen des Möbelhauses. Hätte ich gewusst, dass ein Inch 2,54 Zentimeter sind, wäre ich nicht ohne Sideboard nach Hause gegangen.

Auch beim Autofahren muss man ständig umrechnen. Die USA sind bestimmt das Lieblingsreiseziel von Mathelehrern, die dann triumphieren können: "Da habt ihr es, liebe Schüler, genau dafür braucht ihr das Kopfrechnen!"

Von San Francisco zum Yosemite National Park sind es 192 Meilen. Das gibt mir zwar eine ungefähre Ahnung, wie weit das weg ist, doch wenn ich es genau wissen will, muss ich mit 1,609344 multiplizieren. Denn nach wie vor habe ich bei 309 Kilometern ein klarere Vorstellung als bei den Meilenangaben. Und mit 120 Stundenkilometern kann ich nach wie vor die Geschwindigkeit besser einordnen als mit 75 Meilen pro Stunde. Leider wird kein Cop das als Ausrede gelten lassen.

Ein Tipp, der Geld wert ist

Völlig verloren bin ich noch beim Tanken. Auf dem Tankstellenschild steht 3.146 Dollar. Für einen Liter? Nein, so teuer kann der Sprit im Land der heiligen Autos nicht sein. Klar, ist ja auch der Preis für eine Gallone. Und was kostet mich jetzt dann umgerechnet ein Liter Benzin in Euro? Puh, da wird es kompliziert. Eine Gallone sind 3,78541178 Liter, dann noch den aktuellen Dollarkurs einbeziehen - das macht 0,64 Euro für einen Liter Sprit. Also nicht einmal halb so viel wie in Good Old Germany, da tränen dem deutschen Autofahrer die Augen.

Die spinnen, die Amis

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Nicht nur beim Umrechnen lauern die Tücken des US-amerikanischen Zahlendurcheinanders: Unser Nachbar, damals kurz nach dem Einzug, war verwirrt und ich blamiert, als ich von unserer Zweizimmerwohnung im ersten Stock sprach. Nach amerikanischem Verständnis wohnen wir lediglich in einem "one bedroom apartment" und zwar im "second floor". Denn bei den amerikanischen Wohnungen werden nur die Schlafzimmer gezählt und "first floor" ist nicht der erste Stock, sondern das Erdgeschoss. In unserem Haus befindet sich im Erdgeschoss ein pakistanisches Restaurant.

Als mich kürzlich die Mail einer Freundin erreichte, die mich zu ihrer Geburtstagsparty am 9/6 einlud, dachte ich im ersten Moment: Man kann es ja auch übertreiben mit der frühzeitigen Planung. Bis mir aufging, dass sie wohl den 6.9. meinte und die Party damit schon zwei Tage später war.

Einen nützlichen Tipp hat mir Kimberly gegeben: Die Ziffer Eins schreibt ein Amerikaner handschriftlich wie einen Strich. Das sieht aus wie eine römische Eins, also I, und nicht wie 1. Unsere 1 sieht in den USA dafür aus wie eine 7. Bei einem Scheck können da aus 11 Dollar schnell 77 Dollar werden, wenn man nicht aufpasst.

Auf diesen Schreck schnell eine 12-Ounce-Dose Cola. Das entspricht 0,355 Liter. Somit ist hier ein bisschen mehr drin als in den deutschen 0,33-Liter-Dosen. Dafür muss man wenigstens bei den Nährwertangaben nicht lange herumrechnen: 100 Milliliter Cola enthalten 42 Kilokalorien, egal ob in Deutschland oder in den USA.

In der Kolumne "USA, Land der Fettnäpfchen" schreibt unsere Autorin Beate Wild wöchentlich aus San Francisco über alltägliche Sitten und Unsitten in den Vereinigten Staaten.