USA, Land der Fettnäpfchen Mein Arzt, der Held

Wie viel ist ihnen ihre Gesundheit wert, müssen sich US-Amerikaner fragen. Da lohnt ein Preisvergleich.

(Foto: AFP)

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten preisen Ärzte im Internet ihr Geschick und werben mit Sonderangeboten um Patienten. Doch was will uns ein Mediziner mit einem Selbstporträt in Kampfmontur sagen?

Von Beate Wild, San Francisco

Mein neues Leben in den USA ist eine Zeit der Premieren. Auch wenn ich auf manche verzichten könnte. Arztbesuche gehören dazu. Vor ein paar Tagen war es so weit, nach einem Hexenschuss konnte ich mich kaum mehr bewegen. Weder Sportsalbe, Heizkissen noch Schmerztabletten halfen.

Um einen Orthopäden respektive Chiropraktiker zu finden, durchsuchte ich in gekrümmter Haltung das World Wide Web. Während man in Deutschland einfach in den Gelben Seiten stöbert, steuert man hier direkt eines der bekannten Bewertungsportale wie Yelp an. Da nicht jeder Amerikaner eine Krankenversicherung hat, ist es umso wichtiger, sich über Schwächen und Stärken eines Mediziners zu informieren - und auch über seine Preise. Und zwar, bevor man sich in seine Hände begibt. Ehemalige Patienten beurteilen auf den einschlägigen Seiten die Leistungen des Arztes mit ein bis fünf Sternen und schreiben Bewertungen über die Behandlung.

Dort liest man neben den ausführlichen Krankengeschichten der Kommentatoren, was an dem Arzt gut ist (er beherrscht das Knochenknacken, man bekommt schnell einen Termin, Praxis verfügt über moderne Geräte) und was eher schlecht (Arzt hat während der Beratung ständig telefoniert, Patient musste nach Behandlung mit schlimmen Schmerzen in ein Krankenhaus eingeliefert werden). Diesen Arzt strich ich sicherheitshalber von meiner Liste, ich fühlte mich auch ohne ärztliches Zutun gepeinigt genug.

Viele Mediziner schreiben zudem Blogbeiträge oder präsentieren sich im Netz mit Fotos und Videos. Das ist informativ, vor allem aber recht unterhaltsam - was wiederum von den Rückenschmerzen ablenkt. Was soll man beispielsweise von dem braun gebrannten Surfer-Typen um die 50 halten, der sagt, bisher hätte noch jede Dame seine heilenden Hände gelobt? Oder von dem jungen Kerl, der mit asiatischer Kampfmontur in martialischen Körperhaltungen posiert? Will er verrutschte Wirbel wieder an ihren Platz kicken?

Der Patient in spe hat die Qual der Wahl. Um es leichter zu machen, locken Sonderangebote: "Für die erste Konsultation bezahlen Sie statt 250 nur 180 Dollar, Angebot gültig bis Ende des Monats." Schnäppchenjäger suchen auf der Rabattseite Groupon nach Billigofferten für ärztliche Behandlungen. Offenbar kann man besonders bei Botox-Behandlungen viel Geld sparen. Aber ich brauchte ja immer noch einen Orthopäden.

Schließlich entschied ich mich für Dr. Metzler. Er wurde im Netz mit fünf Sternen bewertet und ist gleich bei mir um die Ecke. Ich schrieb ihm eine Mail, um zu fragen, wann er einen Termin frei habe und wie viel die Behandlung kosten solle. Schließlich bin auch ich Selbstzahler. Fünf Minuten später hatte ich schon die Antwort in meiner Mailbox: Ich könne noch am selben Tag kommen. Kostenpunkt für den ersten Termin 120 Dollar, jeder Folgetermin 75 Dollar. Unterschrieben war die Mail mit: Beste Grüße, Brad.

Ziemlich beste Freunde, oder?

In den USA ist man mit jedem sofort per Du, schließlich spricht hier ein Großteil der Bevölkerung Englisch. Aber warum wird sie überall mit Vornamen angesprochen, wundert sich unsere Autorin. Von Beate Wild mehr ... Kolumne

Und was soll ich sagen: Brad war großartig, zumindest soweit ich das beurteilen kann. Noch nie hat sich ein Arzt so viel Zeit für mich genommen wie Brad. Er diagnostizierte, massierte, renkte ein und zeigte mir Übungen für zu Hause. Zu meiner Überraschung schrieb er mir sogar am folgenden Tag eine Mail, um sich zu erkundigen, wie es mir gehe.

Danke der Nachfrage, Brad, die Schmerzen sind schon wesentlich besser! Wie oft ich noch bei ihm vorbeischauen muss, bis ich vollkommen schmerzfrei bin, wird sich zeigen. Wenn alles überstanden ist, setze mich auf jeden Fall an den Computer und schreibe eine Bewertung. Ich denke, fünf Sterne könnte Brad dann durchaus verdient haben.

In der Kolumne "USA, Land der Fettnäpfchen" schreibt unsere Autorin Beate Wild aus San Francisco über alltägliche Sitten und Unsitten in den Vereinigten Staaten.