Tourismus in Tunesien In einem getroffenen Land

Seit den Anschlägen meiden Touristen das klassische Urlaubsziel Tunesien. Doch die Gastgeber lassen sich nicht unterkriegen.

Reportage von Monika Maier-Albang

So also riecht das neue Tunesien: zitronig nach frisch geernteten Bergamotten und Orangen, leicht süß nach den Mandelbäumen, die gerade in den grünen Hügeln vor Tunis blühen. Und scharf nach Chlor.

Sie haben geputzt im Musée de Carthage und es wohl etwas zu gut gemeint im ersten Stock, wo eigentlich der "Junge Mann von Byrsa" stehen sollte, aber die Ötzi-hafte Rekonstruktion des 1994 entdeckten Skeletts eines Puniers ist gerade auf Wanderschaft. In den Vitrinen liegen Vasen aus kunstvoll geblasenem Glas und staubbepuderte Ton-Amphoren. Hier gäbe es noch genug zu tun für das Putzteam, aber eigentlich ist es schon ein Wunder, dass überhaupt noch jemand den Boden schrubbt, über den doch kaum einer geht. Drei Gäste hatten sie gestern, sagt der Mann am Eingang, der sich als Guide anbietet und die Leere in seinem Leben nun damit füllt, die streunenden Katzen zu versorgen. Es gibt Tage in diesem duftenden und viel zu warmen Spätwinter 2016, an denen niemand das alte Karthago besucht.

Das getroffene Land

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Carthaginem esse delendam? Nun, die Römer hatten es geschafft, und dann, nach der Zerstörung, den Besiegten ihre Vorstellung von Kultur aufgezwungen - die kunterbunt gewachsene Stadt wurde im Schachbrettstil wieder aufgebaut. Die Mörder von Daesch, wie die Terrormiliz IS in vielen Ländern genannt wird, haben Karthago einen zweiten Stoß versetzt. Sie haben den Hügel, der sich über Tunis erhebt, zwar nicht direkt angegriffen. Getroffen wurde er trotzdem, auf eine perfide Art. Seit sie 60 Menschen, vorwiegend Touristen, töteten, im März 2015 im Bardo-Museum und dann im Juni am Strand von Sousse, herrscht in der Ausgrabungsstätte Grabesruhe. Die Kreuzfahrtschiffe laufen den Hafen der Hauptstadt nicht mehr an, die Briten halten an der Reisewarnung für Tunesien fest, die Hotelkette Riu, die mehrere Hotels unterhielt, darunter das vom Anschlag betroffene, hat sich aus dem Land komplett zurückgezogen. Wenn es das Ziel der Terroristen ist, die westlich geprägte Kultur zu verunsichern: Hier, zwischen den Ruinen der Festung Byrsa, lässt sich ihr Erfolg gerade beobachten.

So einfach wollen es die Tunesier den Unzivilisierten nicht machen - sie rüsten auf

Nur: Einfach wollen es die Tunesier den Unzivilisierten nicht machen. Sie können die Touristen schon deshalb nicht einfach abschreiben, weil es dann noch mehr Arbeitslose gibt und noch mehr Futter für die Islamisten. Also hat Karthago mehr Sicherheitspersonal und neue Kameras bekommen, die denen an der amerikanischen Botschaft nicht nachstehen. Es gab zwar zuvor schon Kameras, aber die, sagt eine Mitarbeiterin, hätten nicht recht funktioniert. Und die Sicherheitsleute waren geschult - vor allem darin, die Steine vor kletterwütigen Touristen zu schützen. Nun stehen vor jedem Hotel Wachposten, die unter jedes ankommende Fahrzeug einen Spiegel halten. Wer an den Strand geht, passiert Security-Mitarbeiter, die rund um die Uhr die Stellung halten. Eine offene Flanke zum Meer - das soll es nicht mehr geben, nicht in Sousse, nicht in Hammamet, wo die großen Hotels liegen, eines neben dem anderen. Zwei Seiten umfasst das Maßnahmen-Konzept, welches das tunesische Innenministerium gemeinsam mit britischen und deutschen Experten erarbeitet hat. Metalldetektoren am Eingang touristischer Anlagen sind jetzt ebenso vorgeschrieben wie GPS-Geräte für Fahrzeuge, in denen Urlauber sitzen. Und wenn man ein Weingut besucht im toskanagleichen Hinterland von Tunis, kommt eine Streife und bleibt, so lange die Gäste den Wein verkosten.

(Foto: SZ-Grafik)

All das ist nötig, damit Tunesien die Chance hat, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Und doch ist solch ein Aufrüsten immer auch eine Gratwanderung. Will der Gast beim morgendlichen Muschelsuchen einen Schatten im Rücken spüren? Fühlt er sich wohl in einem Hotel, das er durch einen Metallscanner betritt? Und wie lange hält eine Tourismusbranche, die fast ausschließlich auf Billig-Urlaube gesetzt hatte, so einen Aufwand durch?