Times Square in New York Aufstand der Comic-Helden

Schluss mit lustig: Kostümierte Superhelden bei ihrer Demonstration in New York.

(Foto: Vanessa A. Alvarez/AP)

Der große Elmo kämpft gegen den kleinen Elmo, Touristen schubsen das Krümelmonster herum und Spiderman hat sich kürzlich mit einem Cop geprügelt: Immer wieder gibt es Ärger um die Kostümierten, die sich in New York Touristen als Fotomotiv anbieten. Nun reicht es den Helden in Strumpfhosen.

Von Kathrin Werner, New York

Wenn sich Batman und Spiderman, Woody und Buzz Lightyear aus Toy Story, Mickey und Minnie Mouse, Elmo, das Krümelmonster, Super Mario, Goofy, Hello Kitty und die Freiheitsstatue verbünden, muss etwas passiert sein, das vereinte Superheldenkräfte braucht. Mitten in der Mittagshitze auf dem Times Square haben sie sich versammelt zur Helden-Demonstration, knapp 100 Kostümierte rufen "Yes, we can" im Chor und dann auf Spanisch: "Si, se puede." Auf ihren Schildern fordern sie Respekt. Woody reckt ein Plakat mit "Lasst uns einfach arbeiten" empor, auf dem von Minnie Mouse steht "Association of Artists United for a Smile". Batman hat seine Arme vor der Brust verschränkt und sieht furchteinflößend aus. Die Freiheitsstatue hat ihren Sockel mitgebracht, sie überragt alle anderen und streckt ihre Fackel kampfesbereit in den Himmel.

Am Ende lag Spiderman am Boden. Umzingelt von einem Dutzend Polizisten

Die Comic-Helden schlagen zurück. In den vergangenen Wochen hat sich der Streit zwischen den Verkleideten und der Polizei auf dem Times Square in New York immer weiter hochgeschaukelt. Ende Juli hat ein Spiderman einen Cop mitten ins Gesicht geschlagen und wurde verhaftet. Spiderman hatte mit einem Touristenpaar für ein Foto posiert. Als das Paar nur einen Dollar Trinkgeld geben wollte, forderte der Held in Strumpfhosen mehr - bis ein Polizist einschritt und die Touristen darauf hinwies, dass sie selbst bestimmen können, ob und wie viel sie für ein Foto geben. Spiderman regte sich mächtig auf: "Kümmere dich um deinen eigenen Kram", rief er und seinen Ausweis zeigen wollte er auch nicht. Als der Polizist ihn festnehmen wollte, kam es zum Handgemenge: Cop versus Hero. Am Ende lag Spiderman am Boden, umzingelt von einem Dutzend Polizisten. Elmo schaute zu.

New York in Neonfarben

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Die Comic-Helden sind zu einer regelrechten Industrie herangewachsen. An manchen Tagen sind es weit mehr als 100 Elmos, Batmans und Minnie Mäuse, bei schlechtem Wetter sind es mehr Helden als Touristen. Seit die Stadtverwaltung Autos von Teilen des Times Square verbannt hat, ist mehr Platz für dauerknipsende Reisegruppen und Menschen, die mit ihnen Geschäfte machen wollen. Manch Held drängt sich den irritierten Passanten geradezu auf, meist halten die Figuren sofort nach dem Foto ein Schildchen unter die Nase: "Tips please", Trinkgeld bitte.

In den vergangenen Monaten wurden mehr und mehr Helden übergriffig, die sich über niedrige Trinkgelder aufgeregt haben. Immer häufiger reißen sich die Männer und Frauen die Maske vom Kopf und schreien die Touristen an. Oft genug gerät ein Elmo in kleine Handgemenge mit einem anderen Elmo, weil nicht klar ist, wer aufs Bild darf. Die Polizei geht inzwischen stärker gegen sie vor. Zuletzt hat die New Yorker Polizei Flyer verteilt, mit denen sie die Gäste der Stadt in fünf Sprachen über die Machenschaften der Elmos aufklärte und darauf hinwies, dass Trinkgeld immer freiwillig ist. Immer mehr Uniformierte beobachten die Kostümierten und fragen sie nach Ausweisen.

Sogar die Politik hat sich eingeschaltet. Ein Mitglied der Stadtverwaltung aus der Bronx wirbt für ein neues Gesetz, nach dem jeder, der sich im öffentlichen Raum verkleidet, eine Lizenz haben muss. Den Helden geht die Gängelei zu weit. Sie haben in den vergangenen Tagen eine Art Gewerkschaft gegründet. Gemeinsam will die "Gesellschaft der vereinten Künstler für ein Lächeln" dafür kämpfen, dass ein paar schwarze Schafe unter den Kostümen nicht das Geschäft von all denjenigen ruinieren, die brav ihre Arbeit erledigen.

Ob man Menschen, die sich - übrigens ohne Genehmigung von Disney oder den anderen Rechte-Inhabern - in schlecht sitzenden Kostümen auf einen Platz stellen, als Künstler bezeichnet oder nicht: Harte Arbeit erledigen sie allemal. Zwischen 50 und 70 Dollar pro Tag verdient sie, erzählt Jovana Melendez. Sie trägt einen kurzen roten Rock mit weißen Punkten, ihre Minnie-Mouse-Maske mit den riesigen Ohren hat sie auf den Hinterkopf geschoben, darunter glänzt ihr rotes Gesicht, es ist ein heißer Tag. Zwischen zehn und zwölf Stunden steht sie hier zwischen den Reklametafeln, fast jeden Tag im Jahr.

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Der Winter, wenn eisiger Wind über den Times Square fegt, sei gar nicht so schlimm, sagt sie, dann zieht sie dicke Schichten unter ihr Kostüm und hüpft ein wenig auf und ab. Schlimm sind Regen und der Sommer, wenn sich die Großstadtluft zwischen den Hochhäusern wie im Backofen staut. Melendez ist 38 Jahre alt, sie und ihr sechsjähriger Sohn können gerade so leben von ihrem Verdienst. "Ich habe niemandem etwas getan", sagt sie. "Ich möchte, dass die Touristen verstehen, dass ich nur meine Arbeit mache für ein Trinkgeld. Ich klaue doch niemandem die Handtasche oder so."

Seit Kurzem hat sie ständig das Gefühl, dass die Polizei sie im Blick hat. "Dabei sind wir für die Touristen doch eine der Attraktionen, die dieses Land zu bieten hat." 2006 ist Melendez aus Peru nach New York gekommen, unter den meisten Kostümen stecken Einwanderer aus Lateinamerika. Aus Elmos und Woodys Ärmeln schauen braune Hände hervor. Melendez spricht wie die meisten hier kaum Englisch. "Wir müssen zusammenhalten, damit wir eine Stimme bekommen", sagt sie. Die neue Superhelden-Gewerkschaft arbeitet eng mit der Immigranten-Selbsthilfeorganisation LaFuente zusammen. "Die Leute arbeiten hart und sind ein Teil von New York", sagt LaFuente-Chefin Lucia Gomez-Jiminez, die bei der Organisation der Demo geholfen hat und jetzt mit den Helden zusammen einen Verhaltenskodex entwickelt, zu dem sich die Kostümierten selbst verpflichten.

Die Kostümierten haben sich einen Verhaltenskodex auferlegt. Und die Touristen?

Oft genug, sagt sie, liefe die Nötigung auch andersherum: Betrunkene Touristen fänden es witzig, das Krümelmonster herumzuschubsen. "Der Times Square gehört uns allen und solange niemand gegen Gesetze verstößt, sollte die Stadt die Helden nicht regulieren." Ein Lizenz-Verfahren wäre ohnehin schwierig, die Kunstfreiheit aus der Verfassung ist betroffen. Es wäre ein riesiger Verwaltungsaufwand, wenn jeder, der im Kostüm auftritt, um Geld einzusammeln, eine offizielle Genehmigung bräuchte - die Zahl der Betroffenen wäre groß, sogar die Weihnachtsmänner der Heilsarmee fielen darunter. Auch viele der Elmos und Spidermans sind gegen die Ausweise, nicht alle sind legal in die USA eingewandert. Und schließlich könnte Disney über die Lizenzen leicht herausfinden, wo die Leute wohnen, die mit ihren Marken ihr Geld verdienen. Gomez-Jiminez macht sich da keine Sorgen: "Wenn sich die Konzerne mit Leuten auseinandersetzen wollen, die 50 bis 70 Dollar Trinkgeld einnehmen, bitte schön."