Südafrika Abstecher in ein anderes Südafrika

Vom Tourismus in großem Stil ist die Kleine Karoo verschont geblieben.

(Foto: Jonathan Fischer)

Die Garden Route an der Küste ist das Ziel für Südafrika-Reisende - aber die Kleine Karoo kennt kaum jemand. In dieser Halbwüste braucht man auch als Tourist etwas Pioniergeist.

Von Jonathan Fischer

Ein schnurgerader Teerstreifen erstreckt sich über sanfte Hügel bis zum Horizont. Kein anderes Fahrzeug ist in Sicht. Links und rechts der Straße: ausgetrocknete Flussbetten, ockerfarbene Erde, einzelne Sträucher, die sich im Wind ducken. Die nächste Tankstelle? Erst wieder in hundert Kilometern.

Im Gegensatz zur viel befahrenen Garden Route im Süden kann man sich in der Karoo, der Halbwüstenlandschaft in den Hochebenen Südafrikas, immer noch verlieren. Nicht nur wegen der zweifelhaften Hilfe, die das GPS auf mancher Schotterstraße durch endloses Veld leistet. Sondern auch, weil die Karoo dem Reisenden ihren eigenen Rhythmus aufzwingt, ihn immer wieder zu Abstechern verlockt: in schläfrige Dörfer, in tiefe Schluchten und auf dramatische Bergpässe.

Karoo: Der Name stammt angeblich von Garob, was in der Sprache der Urbevölkerung, der Khoikhoi, so viel wie "trocken" oder "unbewohnbar" heißt. Die weißen Pioniersiedler, die seit dem 17. Jahrhundert mit ihren Ochsenwagen hierherzogen, korrumpierten das Wort. Heute bedeckt die Karoo ein gutes Drittel Südafrikas. Die Kleine Karoo ist ihr vorgelagert; ein 300 Kilometer langer Streifen Halbwüste, flankiert von den Gebirgsketten der Swartberge im Norden und der Outeniqua- und Langeberg-Range im Süden.

Warum nicht den dramatischsten Einstieg wählen! Der Prince Alfred's Pass schraubt sich von Knysna aus in steilen Kurven ins Outeniqua-Gebirge. Die Küste ist längst aus dem Rückfenster entschwunden, da mündet die Teerstraße in einen breiten Schotterweg. Im Nieselregen stehen Kuhherden auf sattgrünen Wiesen, eine Gruppe Paviane kauert zwischen Obstbäumen. Dann wird die Landschaft karger. Und die Fahrbahn immer enger. Grobe Schlaglöcher und Steine zwingen zur Fahrt in Schrittgeschwindigkeit. An einer Furt steht eine Gedenktafel: eine Ehrung für Thomas Bain. So hieß der Baupionier, der Ende des 19. Jahrhunderts einige der bedeutendsten - und schönsten - Passstraßen durch die Berge der Karoo trieb. Für die Fertigstellung des Prince Alfred's Pass setzten Hunderte Strafgefangene primitivste Sprengtechniken ein. Große Felsblöcke wurden erst mit Feuer erhitzt - und anschließend mit kaltem Wasser überschüttet.

Hausdächer blinken vom Flussufer im nächsten Tal. Ein Rastplatz im Nirgendwo. Und was für einer! "Angie's G Spot", verkündet das Schild vor dem Verschlag aus Brettern, Metall und Antiquitäten, und: "Hot beer, lousy food, bad service." Vor dem Eingang liegen verstreut Tierschädel und Motorradskelette. Drinnen läuft Rugby im Fernseher. Als die ersten Gäste des Tages ankommen, zapft Angie Beaumont ein Bier aus dem ausgestopften Hinterteil eines Springbocks. "Ihr habt das schlimmste Stück des Passes hinter euch", sagt sie. Zusammen mit ihrem Mann Harry, einem Biker mit weißem Zopf, betreibt sie den Schuppen. "G Spot", erklärt die resolute Wirtin, stehe einfach für Great Spot. Vor allem Motorradfahrer kämen hier am Wochenende vorbei, um draußen Braai zu zelebrieren, die südafrikanische Version einer Grillparty. Der gigantische Hamburger, den Angie serviert, gibt eine Vorahnung davon, dass Fleisch hier Vor- und Nachspeise ist. "An den engen Stellen hupen", gibt Harry mit auf den Weg. Gut eine Stunde später ist ein schlanker, weißer Kirchturm in einer weiten, grünbraunen Ebene zu sehen. Uniondale. Die Pforte zur Kleinen Karoo.

In der Wildnis wird besser nicht gekuschelt. Erdmännchen können beißen

Richtung Westen geht es vorbei an ausgedehnten Straußengehegen. Straußenfedern bescherten der Gegend um Oudtshoorn einst ihren historischen Reichtum und so einige "Straußen-Paläste". Nach Ende des Feder-Booms Anfang des 20. Jahrhunderts blieben die großen Vögel - um nun vor allem Fleisch und Leder zu liefern. Ansonsten scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Rund um weiß getünchte Farmhäuser breiten sich Obst- und Weingärten aus. Sie sind mit Brunnen und künstlicher Bewässerung der Steppe abgetrotzt. Die Pioniersiedlungen der Buren haben sich seit ihrer Entstehung im 18. und 19. Jahrhundert kaum verändert. Nur dass sich heute hinter den kapkolonialen Häuschen meist die Townships, die gedrängten Wellblechhütten der ärmeren schwarzen Farmarbeiter und Hilfskräfte, verstecken. Orte mit hoher Arbeitslosenquote und billigem Alkohol.

Die Dunkelheit senkt sich schnell über die Karoo. Wer nachts über Schotterpisten fährt, merkt erst, wie viele Tiere in der Karoo leben: Eine Eule, ein Schakal, Antilopen und Hasen tauchen im Scheinwerferkegel auf. Als sich dann endlich das elektronische Schiebegitter zum Madi-Madi-Naturreservat öffnet, ist bald der Nachthimmel die einzige Lichtquelle weit und breit. Sternengefunkel in eisiger Wüstenluft. Zum Glück verfügen die Häuschen der Madi-Madi Lodge neben Himmelbetten auch über einen offenen Kamin.

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Beim Frühstück wuseln drei Erdmännchen um die Knöchel der Gäste. "Keine Angst", sagt der Koch und nimmt eines der fiependen Tiere auf den Arm. In der Wildnis aber wird besser nicht gekuschelt. Als wir uns einem Erdmännchen-Bau unvorsichtig nähern, bekommen wir ein paar blutige Gebissabdrücke mit auf den Weg. Die großen Wildtiere - Zebras, Büffel, Elenantilopen - wurden hier von Sportjägern fast ausgerottet. Heute sind es privat betriebene Reservate, die sie in der Karoo wieder ansiedeln. Den Betreibern des Madi-Madi-Naturreservats, Dirk Neethling und seinem Sohn Arnold, gelang es in den 1980er-Jahren, einige der seltenen schwarzen Mutationen der Impalas einzufangen, zu züchten und für gewaltige Summen an andere Tierparks und Zoos weltweit zu verkaufen - Geld, mit dem sie nun mehrere Lodges betreiben.

Vom Tourismus in großem Stil aber ist die Karoo verschont geblieben. Eher sind es die Aussteiger und Kreativen aus den Städten, die hier zwischen Farmern und Schafzüchtern ein entschleunigtes Leben ausprobieren. Sie haben Geld mitgebracht und Ateliers, Galerien, Restaurants und Gasthäuser in alten Siedlervillen eingerichtet. Dörfer wie Prince Albert wären ohne diese Zuwanderer heute Museen. Links und rechts der Dorfkirche stehen schmucke viktorianische Villen und kapholländische Häuschen mit Holzveranden und Ziergittern. In den gepflegten Vorgärten blühen Christsterne und Jacaranda-Büsche. Und auf der Straße werden selbst die Fremden gegrüßt.