Städtereise Polen ist ein Paradies für Vegetarier und Veganer

Sieht hübsch aus! Aber wer wirklich gut essen will, sollte sich nicht direkt an Marktplätzen wie hier in Poznań einfangen lassen.

(Foto: Boris Stroujko - stock.adobe.com)

Diese und weitere Überraschungen bietet eine Städtereise von Posen über Breslau und Krakau bis an den Ort, an dem im Sommer alle, wirklich alle Polen zu finden sind.

Von Esther Widmann

Der Polen-Urlaub ist keine zwei Stunden alt, als sich in einem schmucklosen Lokal in Poznań (Posen) die Essenz der kommenden zwei Wochen in einer Szene manifestiert. Das Lokal liegt in einer runtergerockten Seitenstraße im Tiefparterre und ist eine Bar mleczny. Eine Milchbar also, ein vor allem unter dem kommunistischen Regime populäres Gastro-Konzept, das für wenig Geld die Arbeiter versorgen soll. Das Schild an der Treppe nach unten scheint noch aus dieser Zeit zu stammen, verspricht aber immerhin vegetarisches Essen.

Hinter der Theke wartet ein freundliches Paar auf die Bestellung. Die Frage, ob sie Englisch sprechen, verneinen die beiden allerdings. Die sich vegan ernährende Hälfte der ihrerseits des Polnischen nicht mächtigen Kundschaft zögert. Was nun? Die Frau hinter der Theke hat entweder öfter ausländische Kunden. Oder eine phänomenale Auffassungsgabe. Wahrscheinlich beides. Denn als sie das Zögern sieht, holt sie das eine von zwei englischen Wörtern hervor, das sie kennt, und fragt: "Vegan?"

So beginnt die Reise nach Polen mit zwei Plastiktellern voller riesengroßer, dampfender Pierogi, polnischen Teigtaschen, in diesem Fall gefüllt mit Linsen (das zweite englische Wort, das die Wirtin kennt), und mit drei Überraschungen: 1. Nicht alle jungen Polen sprechen Englisch. 2. Das macht nichts, die Verständigung funktioniert trotzdem problemlos. 3. Polen ist ein Paradies für Vegetarier und Veganer.

Das Beste: endlich landestypische Küche!

Der Begriff "Paradies" ist, jeder Vegetarier weiß das, relativ zu sehen. Natürlich ist es nicht so, dass man an jeder Ecke über ein vegetarisches Restaurant stolpern würde. Aber es ist angesichts von wenigen Prozent Vegetariern in der Bevölkerung überraschend, wie groß das Angebot ist - auch in nichtspezialisierten Lokalen. Warschau, das nicht Teil der Reise war, landet sogar auf Platz 3 der Rangliste "Beste Städt für Veganer weltweit" des sehr nützlichen Internetportals Happy Cow, das vegane Angebote auflistet. Dem polnischen Außenminister Witold Waszczykowski gefällt das vermutlich nicht. Er warnte Anfang 2016 in einem Interview mit der Bild vor einer "Welt aus Radfahrern und Vegetariern".

Und das Beste ist: Vegetarier und Veganer bekommen hier endlich etwas von der landestypischen Küche mit. Sonst gibt es, ob in Paris, Kopenhagen oder London, in den fleischfreien Hipstercafés meist Burger oder irgendwas vage Asiatisches. Am Ende des Polen-Urlaubs hingegen umfasst die Liste der probierten Gerichte: kalte Rote-Bete-Suppe (Chłodnik), Sauerkraut-Eintopf (Bigos), Krautwickel (Gołąbki), Krakauer Brotkringel (Obwarzanki), klarer Borschtsch (Barszcz Czysty Czerwony), Schlesische Klöße (Kluski śląskie), Saure Mehlsuppe (Żurek) - und da sind die Pierogi mit allen möglichen Füllungen noch gar nicht mitgerechnet: mit Linsen, mit Spinat, mit Sauerkraut und Pilzen, mit Kartoffeln und Frischkäse, mit Äpfeln und Preiselbeeren.

Poznań hat außer patenten Milchbar-Wirtinnen auch einen historischen Marktplatz (Rynek) zu bieten, der keine Freifläche ist, sondern in dessen Mitte ein Karrée von Gebäuden steht - auch dies, wie das erfreulich gute Essen, ein wiederkehrendes Muster auf der Reise. Die gedrungenen kleinen "Fischhändlerhäuschen", das Rathaus, außerhalb der Altstadt die Kathedraleninsel, wo im 10. Jahrhundert Polen als Staat gegründet wurde - das ist alles hübsch anzusehen, füllt aber kaum mehr als einen Tag.

Zum Glück ist es nicht schwierig, mit dem Zug nach Wrocław (sprich: Wrotzwaff), das ehemalige Breslau, zu gelangen. Im Vorgriff auf die darauffolgende Station Krakoẃ muss man sagen: Wrocław ist die perfekte Mischung. In Poznań bekommt man schnell das Gefühl, hier als Tourist nicht viel verloren zu haben. Kraków ist das andere Extrem und wirkt in der Innenstadt wie ein Disneyland ohne Bewohner.

Polnischer Punsch

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Wrocław hingegen hat genug touristische Infrastruktur und ist trotzdem zu jeder Zeit eine echte Stadt, in der Menschen leben, arbeiten und einkaufen. Man fängt schnell an zu träumen, einer dieser Menschen zu sein, so schön ist es hier: Als Student ein Auslandssemester in Wrocław verbringen und von den in historischen Gebäuden untergebrachten Bibliotheken in eine der zahllosen Kneipen übersiedeln, um im Gespräch mit Freunden das Polnische zu vervollkommnen. Oder: in einem leerstehenden Jugendstil-Bürogebäude am Markt, dem mit den riesigen Fenstern und der Weltkugel in der Fassade, eine Zeitung gründen. Und nach Redaktionsschluss in die Kneipe, um ... siehe oben.

Von den Wunden, die die Weltgeschichte dieser Stadt geschlagen hat, merkt der Besucher wenig. Weder, dass Breslau 600 Jahre lang zum Deutschen Reich gehörte und erst 1945 mit der Festlegung der Oder-Neiße-Linie Polen zugeteilt wurde. Noch, dass in einer völlig sinnlosen Schlacht am Ende des Zweiten Weltkriegs hier 40 000 Menschen starben und die bis dahin recht unbehelligte Stadt stark zerstört wurde.

Wrocławs Schönheit ist zum großen Teil wiederaufgebaut, aber die Stadt erweckt nicht den Eindruck, in der Vergangenheit festzustecken. Sie ist voll von jungen Leuten. Sie feiern, auch wenn Polens Regierung immer nationalistischer und autoritärer wird. Vielleicht feiern sie auch, dass sie selber mit Rafał Franciszek Dutkiewicz einen pro-europäischen Stadtpräsidenten - das entspricht einem Bürgermeister - haben. Die meisten Wrocławer stehen offenbar hinter seiner weltoffenen Politik: Sie haben ihn schon dreimal wiedergewählt.

Außer der Altstadt mit dem Rynek und vielen Kirchen gibt es auch in Wrocław eine Kathedraleninsel (hier sind die Touristen schon deutlich auffälliger als in der Innenstadt), außerdem eine Synagoge im Hinterhof, eine Markthalle und zahlreiche Museen. Zwischendrin erklärt einem die Bedienung des "FC Caffé" geduldig die korrekte Aussprache von "ein Stück Kuchen bitte" auf Polnisch - es gibt hier nämlich nicht nur Sojamilch, sondern auch einen sagenhaften veganen Schokoladenkuchen. Der Kaffee kommt in einer riesigen Halblitertasse. Und das ist nur die mittlere Größe. Ein veganes Restaurant, das Vega, liegt sogar direkt am Rynek, schließt aber - wie viele Milchbars - schon um sieben Uhr abends.