Reisebuch "Schottland" Bilder vom Dudelsack-Blues

Aus dem Nebel geholt

Im Bildband "Schottland" porträtieren der Italiener Sirio Magnabosco und der Weißrusse Dmitrij Leltschuk die Schotten. mehr...

In Schottland kann das Leben hart und das Wetter so elend sein. Ein Bildband holt nun das Wesentliche aus dem Nebel.

Rezension von Stefan Fischer

Wenige Orte auf der Welt, schreibt Nikolaus Gelpke in seinem Vorwort, seien so stark vom Meer geprägt wie Schottland. Mögen wir zuerst Whisky, Schottenrock und Dudelsack mit dieser zerklüfteten Landschaft assoziieren, so der Mare-Verleger: Prägend für die Seele der Einwohner sei doch zuvorderst die See. Das klingt ein wenig pathetisch, aber das stört Gelpke nicht. Er hat vielmehr zwei Fotografen beauftragt, gemeinsam den Bildband "Schottland" zu fotografieren, von denen zumindest der Italiener Sirio Magnabosco sehr explizit ein Faible für dramatische Inszenierungen hat. Wenn der Nebel Geheimnisse schafft, indem er das scheinbar Wesentliche einhüllt, wenn die Wolken spektakulär aufreißen und sein Objekt der Begierde ins Licht setzen oder wenn ein Hirsch sich wie absichtsvoll in Positur stellt - dann drückt Sirio Magnabosco auf den Auslöser. Seine Fotografien zeigen die schottische Realität und zugleich eine mystische Projektion davon. Die Landschaft erscheint mitunter so extraterrestrisch, etwa auf den Äußeren Hebriden, dass Stanley Kubrick sie in "2001: A Space Odyssey" als die Oberfläche des Jupiter inszenieren konnte.

Vollkommen geerdet sind dagegen die Fotografien des Weißrussen Dmitrij Leltschuk - auch wenn sie eine extravagante Szenerie abbilden. Etwa die Frau, die trotz Regens in offenen Schuhen mit ihren Hündchen durch die Straßen von Peterhead, einem Städtchen an der Ostküste Schottlands, spazieren geht. Oder den Grafikdesigner Lukas Pomahac, der ursprünglich aus Prag stammt und auf einem Schiffswrack, das er restauriert, zur Galionsfigur mutiert. Seine Frau kann diese Rolle nicht mehr übernehmen, sie teilt Pomahacs Faible für Schiffswracks nicht annähernd.

Schottland, das ist eine der Lehren aus diesen Bildern, kann einsam machen. Aber auch beharrlich. Leltschuk hat Steve Feltham porträtiert, der seit 1991 in einem Wohnwagen am Loch Ness lebt. Das hat ihm einen Guiness-Buch-Eintrag beschert als ausdauerndstem Nessie-Jäger. Die beiden Fotografen zeigen Schäfer, ein altes Wollfärber-Ehepaar und Männer, die Fische räuchern. Sie haben eine Einsiedler-Familie aufgestöbert; und wann immer sie durch ein Städtchen gehen oder an einen Strand: Auf Menschenaufläufe scheinen sie nie getroffen zu sein.

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Was aber immer da ist, zu sehen oder mindestens zu ahnen, das ist das Meer. Häufig grau, manchmal blau. Sehr oft ruhig daliegend, selten nur bedrohlich. Was Magnabosco und Leltschuk demonstrieren: Das Wasser und das Land gehören zusammen. Tatsächlich ist es so, dass, wo immer man hinkommt, in Schottland beides da ist. Auch im Landesinneren, in das sich die Fjorde hineingefressen haben, über das sich ein weitläufiges Raster aus Lochs und Flüsschen spannt. Überall steht man an dieser Grenze zwischen den Welten des Festen und des Flüssigen. Bei den Schotten hat das eine solide Bodenständigkeit ausgebildet.

Ein wenig anders sähe das womöglich aus, wenn Magnabosco und Leltschuk auch in die größeren Städte gegangen wären, nach Edinburgh und Glasgow, oder wenigstens nach Aberdeen. Aber die haben sie ausgespart, nur ein beinahe klassisches Touristenmotiv von Edinburgh Castle ist unter den Bildern - eindeutig ein Fremdkörper.

Sirio Magnabosco und Dmitrij Leltschuk haben sich vom Schottland der Eigenbrötler und Genügsamen verzaubern lassen. Ihr Band propagiert die raue Ausprägung einer Landlust, er zeigt Szenerien, die noch nicht durchindustrialisiert und schon gar nicht durchdigitalisiert sind. In denen die Menschen, indem sie arbeiten, fassbare Werte schaffen.

Die Qualität der Fotografien besteht nicht zuletzt auch darin, dass sie trotz aller Zuneigung nicht romantisieren. Sie zeigen die Härte des Lebens der Fischer und der Werftarbeiter. Den vielfachen Mangel an Komfort. Das elende Wetter. Die manchmal greifbare Alternativlosigkeit. All das kann dem Stolz und der Würde der Menschen nichts anhaben, die sich vor allem von Dmitrij Leltschuk porträtieren lassen. Den meisten von ihnen meint man ansehen zu können, dass sie ein anderes Leben nicht haben möchten. Weil ihres überschaubar ist. Weil sie wissen, wo und wofür sie leben. Und vielleicht auch, weil das Meer sie träumen lässt.

Dmitrij Leltschuk, Sirio Magnabosco: Schottland. Mareverlag, Hamburg 2015. 144 Seiten, 58 Euro.

Im Bett mit einem Geist

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