Reisebildbände Neulich in Afrika

Eine Boxerin trainiert in einem provisorischen Fitnesscenter in Kampala, Uganda.

(Foto: @edward_echwalu)

Armut, Krieg, Safari-Romantik bestimmen die Außenansichten des Kontinents. Das nehmen junge afrikanische Fotografen nicht mehr hin - nun zeigen sie ihr eigenes Bild des Lebens dort.

Rezension von Stefan Fischer

Die meisten Fotografien aus Afrika erzählen keine Lügen. Das nicht. Aber eben auch nur einen kleinen Teil der Wahrheit: Als Bewohner der westlichen Welt bekommt man überwiegend Armut, Krieg und Hunger gezeigt, wenn es um Afrika geht. Oder aber Safari-Romantik und als edle Wilde inszenierte Menschen - sei es nun in den Medien, in der Tourismuswerbung oder in Bildbänden. Bis heute wird das fotografische Bild des Kontinents ganz wesentlich von Nicht-Afrikanern geprägt. Auch Kultur kann kolonialistisch sein.

Seit fünf Jahren gibt es das Projekt "Everyday Africa", ausgehend von einem Kanal auf der Social-Media-Foto-Plattform Instagram. Es ist eine Gegenbewegung, die sich nicht nach aktuellen Anlässen richtet und auch an einer Überhöhung nicht interessiert ist. Sie wird von inzwischen 30 Fotografen getragen - die meisten von ihnen sind Afrikaner. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, alltägliche Situationen zu zeigen, wobei mal der dokumentarische und mal der künstlerische Aspekt überwiegt.

So sieht "Everyday Africa" aus

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Soziale Medien sind für die jungen afrikanischen Fotografen extrem wichtig, auf diesem Weg erschließen sie sich hauptsächlich ihr Publikum. Dem Instagram-Kanal "Everyday Africa", der mittlerweile mehr als 3500 Fotos versammelt, folgen beispielsweise 320 000 Menschen. Und von dort aus durchdringen die Aufnahmen immer stärker auch andere Kanäle: Sie werden im Schulunterricht eingesetzt, in Ausstellungen gezeigt, in klassischen Medien nachgedruckt, im Theater projiziert.

Eine Auswahl zeigt nun der Kehrer Verlag in dem ziegelsteindicken Band "Everyday Africa". Die Fotografien vermitteln tatsächlich neue Eindrücke, und vor allem dokumentieren sie sichtbar, dass sich ambitionierte junge Fotografen die Deutungshoheit über ihre eigenen Geschichten und ihre eigenen Leben zurückholen wollen.

Es gelingt ihnen auf beeindruckende Weise. Weil sie frei sind: Sie handeln im eigenen Auftrag, sie wollen kein bestimmtes Image vermitteln. Entsprechend vielgestaltig ist Afrika in dem Band - das ist ja auch einer der Wahrnehmungsfehler, dass man diesen riesigen Kontinent oft als Einheit betrachtet.

In diesen Kontext gehört auch, was der ebenfalls im Kehrer Verlag erschienene Titel "Afriques Capitales / Capital Africas" zeigt. Einen Reiseaspekt hat dieses Buch im Grunde nur am Rand; aber es erzählt ebenfalls eine Geschichte der Selbstermächtigung.

"Afriques Capitales" zeigt Werke afrikanischer Künstler, die sich mit dem urbanen Leben auf dem Kontinent auseinandersetzen. Wie auch "Everyday Africa" verdeutlicht das Buch, dass Afrika beileibe nicht so naturbelassen und vorindustriell ist, wie oftmals dargestellt. Sondern vielerorts großstädtisch.

Einen anderen Ansatz wählt David Lurie für seinen Fotoband "Undercity". Auch hier geht es um eine Großstadt, um Kapstadt. Lurie hat seine Aufnahmen jedoch in den Morgenstunden gemacht, wenn kaum Menschen unterwegs sind.

Von einer Vitalität wie in den beiden anderen Büchern ist hier nichts zu sehen; Lurie zeigt das Gerippe der Stadt - und dass sie nichts ist ohne ihre Bewohner. Mit den gängigen Klischees haben auch diese Aufnahmen nichts gemein. Denn Lurie stellt nicht die Schäbigkeit in den Vordergrund. Im Zentrum steht die Aufwertung, die die Tristesse erfährt durch ihre Bewohner.

Teun van der Heijden, Peter DiCampo, Austin Merrill, Nana Kofi Acquah (Hrsg.): Everyday Africa. 30 Photographers Re-Picturing a Continent. Kehrer Verlag, Heidelberg 2017. 448 Seiten, 38 Euro. David Lurie: Undercity - The Other Cape Town. Verlag Hatje Cantz, Berlin 2017. 144 Seiten, 50 Euro. Simon Njami (Hrsg.): Afriques Capitales / Capital Africas. Kehrer Verlag, Heidelberg 2017. 208 Seiten, 25 Euro.

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