Reise-Pionierin Lady Mary Montagu "Sie werden mich für eine halbe Türkin halten"

Mary Wortley Montagu, porträtiert von Jonathan Richardson dem Jüngeren.

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Als mysteriös, gar barbarisch galt das Osmanische Reich im 18. Jahrhundert in England. Lady Mary Montagu wagte sich hin - und gönnte sich den Luxus einer eigenen Meinung.

Von Irene Helmes

"Ich habe eine Mumie bestellt und hoffe, daß diese unversehrt in meine Hände kommen wird, trotz des Unfalls, den eine sehr schöne Mumie erlitten hat, die für den König von Schweden bestellt war." Nein, es sind keine gewöhnlichen Monate, die Lady Mary Wortley Montagu im frühen 18. Jahrhundert im Osmanischen Reich verlebt - wie man an diesem Zitat erkennt.

Dabei hätte ihre Geschichte ganz banal sein können: Junge Adelige begleitet ihren Gatten von 1716 bis 1718 auf dessen Diplomatenmission, kehrt mit Ende Zwanzig zurück nach London und wird von der Nachwelt ebenso vergessen wie er. Denn eigentlich geht es um ihn: Edward Wortley Montagu wird vom Empire als "Außerordentlicher Botschafter am Hofe der Türkei" eingesetzt. Eine heikle Sache in Zeiten ständiger Auseinandersetzungen zwischen Österreich und den Osmanen. Aber weibliches Beiwerk zu sein, ist nichts für seine Frau. Sie lebt im Geist der Aufklärung, will neues mit eigenen Augen sehen.

Es sind blutige Jahre, besonders auf dem Balkan, den das Paar auf dem Weg nach Süden durchreist. Die junge Lady sieht nicht nur noble Hofgesellschaften, sondern im Vorüberfahren auch Schlachtfelder. Diesem Schock zum Trotz ist sie stolz auf ihr Abenteuer. Aus Adrianopel (dem heutigen Edirne) schreibt sie im April 1717 hochtrabend an die Prinzessin von Wales: "Ich habe, Madame, nunmehr eine Reise gemacht, die seit der Zeit der griechischen Kaiser von keinem Christen unternommen wurde."

"Einige andere Moscheen gefallen mir bei weitem besser"

Historisch völlig verlässlich ist weder diese Behauptung noch alles, was sie danach nach England schreibt. Aber ihre später veröffentlichten Briefe zeigen etwas Bemerkenswertes: In einer aufgeheizten Zeit lässt sich eine Dame des sogenannten Abendlandes auf das Fremde ein - auf ein "Land (...), das wir barbarisch nennen". Und sie erlebt dort jede Menge Überraschungen. Eine Moschee in Adrianopel etwa hält sie für das schönste Bauwerk, das sie je gesehen hat. Und setzt ausgerechnet im Brief an einen befreundeten Kleriker hinzu, dass die Moscheeräume eben "nicht durch geschmacklose Statuen und Bilder entstellt werden, die den katholischen Kirchen zumeist das Ansehen von Spielwarenläden geben".

Konstantinopel beschreibt sie in leuchtenden Farben - die Hagia Sophia etwa ("aber einige andere Moscheen gefallen mir bei weitem besser"). Logiert wird im Gesandtschaftsviertel Pera mit Panoramablick auf Hafen, Stadt, Serail und die asiatischen Hügel - "vielleicht die allerschönste Aussicht der Welt". Lady Mary ist empört über die "Unverschämtheit" anderer Reiseautoren, die über das Wüten der Osmanen in der eroberten Stadt berichteten - "alle Statuen hier haben noch ihre Köpfe".

Männer fand Lady Mary durchaus zum Lachen - so auch ihren Bewunderer, den Poeten Alexander Pope (hier auf einem Gemälde von William Powell von 1852).

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Überhaupt teilt sie großzügig Seitenhiebe aus - besonders in Richtung schreibender Männer. Man werde überrascht sein, dass ihr Bericht über das Osmanische Reich so anders ausfalle als der anderer Reise-Autoren, "die so gerne über Dinge schreiben, von denen sie nichts wissen". Allzu oft gebe es bislang nur oberflächliche Berichte junger Männer, die "sich nur daran erinnern, wo es den besten Wein gab oder die hübschesten Frauen".

Überhaupt, die türkischen Frauen. Über die gehen in Europa zu Lady Marys Zeit alle möglichen Vorstellungen um - sie selbst ist schwer beeindruckt. Nach einem Besuch in einem Frauenbadehaus in Sofia hält sie fest: "Ich kenne keinen europäischen Hof, wo die Damen sich einer Fremden gegenüber so höflich benommen hätten." Da sich im Norden viele Geschichten um die Harems und Badehäuser ranken, stellt sie klar: "Kurz, es ist das Kaffehaus für die Frauen, wo alle Stadtneuigkeiten besprochen, Verlästerungen erfunden werden usw." Und ist betont stolz, zu erzählen, was "auch keine Reisebeschreibung zu schildern vermag; denn nichts weniger als Todesstrafe droht jedem Manne, der an solchem Orte gefunden würde".