Reise-Pionierin Annie Londonderry Als erste Frau mit dem Fahrrad um die Welt

Annie Londonderry in dem, was zu ihrer Zeit als bequemes Radoutfit durchging.

(Foto: courtesy of Peter Zheutlin)

Annie Londonderry wagte vor mehr als hundert Jahren eine spektakuläre Reise. Noch wilder aber waren die Geschichten, die sie von unterwegs zu erzählen hatte.

Von Irene Helmes

Weltreise mit einem knallroten Sessel im Gepäck, auf Oldtimer-Motorrädern, ohne Geld oder ohne Flugzeuge zu benutzen - eine schlichte Weltreise scheint längst nicht mehr ausreichend, um als etwas Besonderes durchzugehen. Wer heute mit einer Tour auffallen will, lässt sich etwas einfallen. Bereits im vorletzten Jahrhundert, als das Reisen noch viel komplizierter, langsamer und teurer war, war ein schickes Motto viel wert. Und es gab so vieles zur Auswahl, das noch niemand getan hatte. Als Frau um die Welt zu radeln zum Beispiel. So machte sich an einem Junitag 1894 in Boston eine junge Dame namens Annie Londonderry auf den Weg, um genau das zu tun. Oder zumindest, um genau das von sich behaupten zu können.

Denn in der Geschichte der weltumrundenden Radlerin geht es mindestens so sehr um das Erzählen wie um das Reisen selbst. Anstatt sich streng um den Rekord zu bemühen, genoss hier eine junge Abenteurerin die Chance, unzähligen Menschen unzählige Varianten ihrer Story zu präsentieren. In Frankreich etwa behauptete sie je nach Laune, sie sei "Waise, Anwältin, Medizinstudentin in Harvard, Buchhalterin, eine reiche Erbin, die Erfinderin einer neuen Stenographie-Methode, die Cousine eines US-Abgeordneten oder die Nichte eines Senators". So hat es ihr Urgroßneffe Peter Zheutlin aus historischen Quellen und Zeitungsartikeln rekonstruiert. Denn Londonderry wurde zu einer Art Medienphänomen, auf das sich Reporter entlang ihres Weges stürzten.

Und nicht nur über ihre Herkunft, auch über den Verlauf ihrer Reise wusste Miss Londonderry ihren Zeitgenossen die unglaublichsten Dinge zu berichten. In Indien habe sie mit deutschen Adeligen Tiger gejagt und sei fast von Einheimischen getötet worden, die sie für einen bösen Geist hielten. Auf der Durchreise im Gebiet des Chinesisch-Japanischen Krieges sei sie - unter anderem - in einem gefrorenen Fluss eingebrochen, im Gefängnis gelandet und von einer Kugel in der Schulter getroffen worden. Solche Geschichten, so ihr Biograph und Nachkomme Zheutlin, seien bei normalen Zuhörern wie auch bei Journalisten bestens angekommen.

Rückblickend betrachtet ist es ein großer Spaß, sich diese Frau vorzustellen, die in allen möglichen Ländern jeweils das erzählte, was ihr in diesem Moment besonders spannend erschien - als ob sie dem sensationshungrigen Publikum ihrer Epoche nur das liefern wollte, was es verlangte. Aber was steckte wirklich hinter dieser sagenhaften Radtour? Genug, um auch ohne all ihr Geflunker und Ausschmücken erzählenswert zu sein.

Denn dass eine 23-jährige lettische Immigrantin im Jahre 1894 ihren Gatten mit drei kleinen Kindern in Boston zurückließ, um die Welt mit dem Fahrrad zu umrunden, war auch ohne Tigerkämpfe und royale Begegnungen etwas Besonderes, geradezu Skandalöses. Alleine die familiäre Situation war Zeitgenossen Karikaturen wert.

Zeitgenössische Karikatur.

(Foto: oH)

Auch in ihren Methoden der Finanzierung und Eigenwerbung war Londonderry sehr modern: Sie nutzte das Geld von Sponsoren, deren Werbung sie teils als Banner auf ihrem Rad durch die Gegend fuhr. Selbst ihr Nachname war Teil davon - eine Reverenz an einen gleichnamigen Mineralwasserproduzenten. Eigentlich hieß Annie nämlich Cohen Kopchovsky. Ihren Geburtsnamen nicht um die Welt zu tragen, dürfte auch eine Frage der Sicherheit gewesen sein: Mit englischem Namen reiste es sich sicherer als mit einem jüdischen.

Sie wusste, was sie wollte, schlussfolgert Zheutlin: "Sie suchte Ruhm und Reichtum" und übernahm zugleich "sehr bewusst das Thema Gleichberechtigung". Und nahm in ihrem Ehrgeiz in Kauf, sowohl bewundert als auch angefeindet zu werden.