Pool-Trend Schwimmtier Warum erwachsene Menschen aufblasbare Einhörner reiten

Mein Einhorn und ich auf den Malediven.

(Foto: Ishan @seefromthesky/Unsplash.com)

Oder es versuchen. Denn niemand schafft das Erklimmen der Schwimminsel ohne Slapstick-Nummer. Aber genau darum geht es.

Von Johanna Bruckner

Der Alltag des modernen Menschen ist anstrengend. Er ist nicht nur Arbeitnehmer, sondern in der Freizeit auch sein eigener Reiseleiter, nebenher Gesundheits- und Fitnessmanager - und natürlich Imagekurator bei Facebook, Instagram und Snapchat. Beim Life-Multitasking gilt die Maxime: möglichst würdevoll aussehen. Selbst Spaß ist serious business - wer will schon ein Erinnerungsfoto vom letzten Cross-Fit-Training auf der Social-Media-Pinnwand, bei dem der Betrachter denkt "Igitt, Schweiß"? Ein Filter übers Bild gelegt und schon suggeriert das gleiche Foto: Ich stemme 65 Kilo und das auf meinem T-Shirt sind keine Schweißränder, das ist Kunst.

Wir brauchen Urlaub von der Freizeit - wohl dem, der das noch mit Augenzwinkern sagen kann. Doch es gibt Hoffnung. Sie schwimmt daher in Gestalt von aufblasbaren Einhörnern, Flamingos, Palmen, Donuts und Brezeln. Diese finden sich nun schon seit zwei Sommern in Freibädern, an Hotel-Pools und Stränden. Darauf toben nicht etwa Kinder: Nein, erwachsene Menschen besteigen die Schwimmtierchen, die deshalb altersgerecht anders heißen müssen: Pool Floats.

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Doch seit es die Schwimmtiere in Größen gibt, die proportional zu den Körpern ausgewachsener Menschen nicht lächerlich aussehen, sind diese Menschen bereit, sich, nun ja, lächerlich zu machen.

Selbst schöne Menschen werden beim Erklimmen einer solchen Schwimminsel zur uncoolen Slapstick-Nummer. Selbstironisch führte das jüngst in einem Instagram-Video die Schauspielerin Sofia Vergara vor, bekannt aus der preisgekrönten Serie Modern Family.

The wetter, the better

In dem Clip versucht sie, in einem weißen Badeanzug mit aufregenden Cut-outs einen aufblasbaren Bullen zu reiten. Beim Abrutschen röhrt sie "Uwäääh!". Die Mühsal beim Wiederaufsteigen dürfte zumindest jenen bekannt vorkommen, die beim Riverrafting schon einmal versucht haben, aus eigener Kraft zurück ins Acht-Personen-Schlauchboot zu kommen. Die Reihenfolge der Körperteile, die es im Fluss oder im Pool über den gefühlt anderthalb Meter hohen Rand schaffen: Kopf, Po, Beine. (Zwischendurch stehen die Beine zumindest beim Schlauchboot senkrecht in der Luft, der Eindruck bewundernswerter Körperbeherrschung täuscht allerdings - das Gegenteil ist der Fall.) Einen Trost gibt es: Erinnerungsfotos der eigenen Schmach bleiben einem erspart - alle Smartphones stecken in wasserfest verschraubten Tonnen.

Aber zurück zu Sofia Vergara in den Luxus-Pool. Die lässt sich nicht nur freiwillig bei ihren Abstürzen filmen - sie hat auch noch einen Riesenspaß dabei. Ihr Ziel ist nicht, würdevoll oder möglichst trocken und wohlfrisiert aus der Sache rauszukommen. Nein, the wetter, the better. Das hat so ein sisyphoshaftes Schwimminsel-Workout mit Wasserbombenwerfen oder Wildwasserbahnfahren gemein. Nun sind Rummelplätze anerkannte Oasen der Unvernunft: Erwachsene Menschen bezahlen, um mal wieder Kind sein zu dürfen.

Badestätten dagegen hatten bislang diese Rollenverteilung: Während es im Nichtschwimmerbereich jauchzte und spritzte, standen die Erziehungsberechtigen auf dem Trockenen - zu Spielverderbern verdammt. "Spring nicht vom Beckenrand, Chiara!" "Wirst du aufhören, den Linus unterzutauchen, Paul!" "Nein, es gibt kein Eis mehr, Lotta!" "Ich sag's zum letzten Mal, Alexander: Komm jetzt her, damit ich dir deinen Rücken eincremen kann!"

Spaß am Strand? Verboten!

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Zwischendurch warfen die Erziehungsberechtigten verzweifelt-sehnsüchtige Blicke in Richtung der älteren Damen und Herren mit Lederhaut, die es in jedem Freibad und an jedem Hotelpool gibt, von München bis Mallorca. Sie sitzen traditionell leicht erhöht auf der Terrasse vor dem Kiosk und beobachten die Lage unten am Pool. In der rechten Hand ein Weißbier (oder sonstiges regionales Gebräu), mit der linken den gebräunten Bauch streichelnd. "Wenn's doch nur schon soweit wäre", dachten die Erziehungsberechtigten und verschmierten seufzend die extra-klebrige 50+-Sonnencreme für Kinder.

Aber auch Kinderlose hatten im Urlaub Lebensstil-Verpflichtungen. Es galt den perfekten Bräunungsgrad zwischen zu bleich und Brathähnchen zu treffen. Oder noch besser: Bereits nach drei Wochen Sonne und Erholung aussehend anzureisen. Denn natürlich musste die ganze Sommer-Sonne-Spaß-des-Lebens-Szenerie ansprechend für das eigene Social-Media-Profil in Szene gesetzt werden. Die Lederhaut-Weisen konnten da nur mitleidig den Kopf schütteln.

Chlordämpfe und Sangria tun ihr Übriges

Was sie wohl über die tierische Invasion sagen? Eigentlich egal, denn so eine aufblasbare Pizzaschnitte hat die gleiche Wirkung wie eine Eintrittskarte zum Rummel. Jegliches Nachdenken über Wie-seh-ich-aus und Was-denken-bloß-die-anderen löst sich in Luft auf. Erwachsene werden zu giggelnden und nach Luft japsenden Geschöpfen mit triefendem Haar. Die Chlordämpfe und der Sangria an der Hotel-Poolbar tun ihr Übriges.

In einer Welt des latenten Perfektionismus bietet das Ringen mit einem aufblasbaren Einhorn eine seltene Möglichkeit: einfach mal peinlich sein. Und dafür noch bewundernde bis neidische Blicke zu bekommen. Denn der Hype um die Riesen-Schwimmtiere hat mancherorts schon zu Engpässen geführt. Eine Kollegin erzählte jüngst, dass sie ernsthaft erwäge, sich den aufblasbaren Delfin ihrer eigenen Tochter "auszuleihen".

Es gibt nur eine Gefahr. Pool-Float-Verkäufer werben nun mit Hochglanzfotos von durchtrainierten Männermodels - ein junger Schönling reitet elegant auf einem aufblasbaren Pegasus. Vielleicht eine Fotomontage, vielleicht der Anfang vom Ende der herrlich lächerlichen Luftnummer. Obwohl - bei der nächsten hohen Welle kippt der Poser hintenüber. Bestimmt.