Osteuropa "Platte ist spannender als eine Touristen-Attraktion"

Der österreichische Künstler Thomas Vau fotografiert seit zehn Jahren Plattenbauten in Osteuropa und Zentralasien - und zeigt, wie die Mieter leben.

Interview von Stefan Fischer

Es gibt kaum noch kommunistisch regierte Länder. Überdauert hat jedoch die prägende Architektur dieser Regime: der Plattenbau. Der österreichische Künstler Thomas Vau hat seit zehn Jahren Tausende solche Häuser fotografiert sowie deren Bewohner interviewt - und dabei viel über die osteuropäischen und zentralasiatischen Gesellschaften erfahren.

SZ: Herr Vau, was reizt Sie, Plattenbau-Viertel zu erkunden?

Thomas Vau: Ich erlebe dort den Alltag der Leute. Das finde ich spannender als Touristenattraktionen, die sich überall ähneln. Natürlich gibt es den Eiffelturm nur in Paris. Aber ich bin da nur Teil einer Touristenmasse, tauche nicht ein in die Kultur, lerne keine Einheimischen kennen. In den Plattenbauten erfahre ich etwas über die Menschen und ihre Art, das Leben zu meistern.

Wie leicht kommen Sie in diesen trutzigen Siedlungen in Kontakt mit den Menschen?

Mit jungen Leuten geht es am leichtesten, vor allem über soziale Medien oder Couchsurfing. Oft wohnen sie noch bei ihren Familien, eine eigene Wohnung ist zu teuer. In Tadschikistan etwa liegt das Durchschnittseinkommen offenbar bei 100 Euro im Monat. Viele Junge wollen in den Westen oder zumindest nach Russland, sind neugierig auf einen Besucher aus dem Westen. Hin und wieder habe ich auch einfach an Türen geläutet. Aber mein Russisch ist nicht so gut, deshalb habe ich lieber soziale Medien genutzt oder Kunstuniversitäten angeschrieben, die mich vermittelt haben.

Gibt es von Land zu Land Unterschiede, wo in der Stadtgeografie die Plattenbauten stehen - und wer dort wohnt?

Oft liegen sie in einem Ring um die Altstädte. Umso weiter man in den Osten kommt, desto weniger haben die Städte allerdings einen historischen Kern. Manchmal gibt es diese Siedlungen auch nur in einer Himmelsrichtung, in Zagreb sind die meisten Plattenbauten im Süden und die reicheren Viertel im Norden. Zumeist wohnen Leute mit geringem Einkommen in Plattenbauten, ob in Russland oder in Zentralasien.

Sind Plattenbauten nicht auch attraktiv, weil der Standard mitunter höher ist als in den Altbauten der Stadtzentren?

In Berlin wird die Platte trendig, Hipster ziehen nach Marzahn. Das gibt es in Russland oder den ehemaligen Sowjetrepubliken eher nicht. Dort fehlt der Wohlstand, um aus den Wohnungen coole WGs oder Penthouses zu machen. Wer in der Platte lebt, kann sich mehr nicht leisten. Die Wohnungen sind hellhörig und kalt im Winter. Gedämmt und bunt angemalt werden die Blöcke nur in Polen, Tschechien oder Ungarn. Außerhalb der EU fehlt das Geld.

Wie sieht es in den Wohnungen aus?

In Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, habe ich Musavvara und ihren neunjährigen Sohn kennengelernt. Die Plattenbauwohnung gehört den Eltern ihres Mannes, die keine Erneuerung erlauben, obwohl sie selbst gar nicht mehr dort leben. Sie halten aber an den Traditionen fest, an den Wänden hängen schwere rote Teppiche. Nur ein Fernseher zeigt den Wunsch nach einer moderneren Lebensweise.

Wie ist das Verhältnis der Bewohner untereinander?

In der Sowjetzeit kannte man noch seine Nachbarn, der Zusammenhalt war stark. Seit dem Zerfall der Sowjetunion bröckeln nicht nur die Fassaden.

Wie reagieren die Bewohner auf Sie?

Wer sich interviewen lässt, ist weltoffen und kann meist auch Englisch. Für viele ist der Westen ein Ideal - der Wohlstand, die Reisefreiheit, die sie nicht besitzen aufgrund von Visa-Erschwernissen, und weil sie die finanziellen Mittel nicht haben.

Thomas Vau, Jahrgang 1981, hat in Wien und Prag Architektur studiert. Sein Blocks Project ist aus seiner Diplomarbeit heraus entstanden. In Prag hat er selbst in einem Plattenbau gewohnt.

(Foto: Thomas Vau)

Vor allem in Russland schwört die Regierung die Menschen doch eher auf einen antiwestlichen Kurs ein.

Ich habe oft Kritik an der eigenen Regierung gehört. Und viele Menschen unterscheiden zwischen den USA und Westeuropa. Gerade bei Jüngeren hat Europa einen relativ guten Stand. Sie realisieren, dass nicht der Westen die Schuld trägt an den Problemen ihrer Heimat.

Gibt es Situationen, in denen Sie sich als Eindringling fühlen?

Es gibt Hemmungen. Aber ich finde es wichtig, in Kontakt zu kommen. Und wenn ich von jemandem hineingebeten werde, fühle ich mich nicht als Eindringling. In Jerewan wurde ich von einer Frau zum Essen und Wohnen eingeladen, obwohl Gohar mit ihrem Mann und den beiden erwachsenen Kindern auf nur 50 Quadratmetern lebt. Gohar ist Mathematik-Professorin, die keine Arbeit mehr bekommt. Das Einkommen der Tochter, 400 Euro im Monat, ernährt die Familie. Trotzdem sind sie sehr gastfreundlich.

Wenn Sie in Deutschland oder Österreich einfach an der Tür klingeln würden, wäre die Skepsis viel größer.

Ganz sicher. Auch in Russland ist der erste Eindruck eher abweisend. Umso weiter ich nach Zentralasien gekommen bin, wo es einen persischen Einschlag gibt, desto gastfreundlicher werden die Menschen. Bis zu einem bestimmten Punkt gilt: je ärmer, desto offener. Nur wenn die Leute sehr arm sind, kann es passieren, dass sie den aus ihrer Sicht obszön reichen Europäer ablehnen.

Was soll am Ende Ihres Projekts zu sehen sein?

Die größte visuelle Dokumentation von Plattenbaufassaden, mit 12 000 bis 15 000 Aufnahmen. Ich werde in einem Buch, in Ausstellungen und auf meiner Webseite www.blocks-project.com zeigen, wie ein großer Teil der Menschen lebt, vor allem in ehemals kommunistischen Ländern. Dazu kommt ein philosophischer Gedanke: Nichts ist gleich im Leben. Auch wenn die Plattenbauten einander ähneln: Jede Fassade verwittert anders, die Menschen dekorieren die Fenster unterschiedlich. Dieses gesellschaftlich Gleiche und doch Individuelle möchte ich dokumentieren.

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