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Reisefotograf Michael Wagener:Blick in die Wundertüte Georgien

Der Fotograf Michael Wagener hat die Kontraste zwischen grandioser Bergwelt und der Metropole Tiflis, zwischen Kulturschätzen und besonderem Humor eingefangen. Dieser macht selbst Grabsteine zu Hinguckern.

16 Bilder

Georgien-Reise

Quelle: Michael Wagener

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Prächtige Kirchen mit goldenen Kuppeln, verschachtelte Altstadtviertel, dazwischen eine futuristische Brücke mit geschwungenem Glasdach: Georgiens Kontraste zeigen sich schon an der Silhouette seiner Hauptstadt.

Als Michael Wagener im Spätherbst 2017 aus dem muslimischen Nachbarland Aserbaidschan nach Tiflis weiterreiste, bestätigte sich direkt im ersten Taxi, dass hier vieles anders ist - als sich der Fahrer permanent bekreuzigte. "Wenn man sieht, wie sie fahren, ist das wohl auch doppelt notwendig", so der Fotograf lachend. Fest steht: An der Schwelle zwischen Europa und Asien, zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, ist es "vertraut und exotisch zugleich". Und längst nicht alles ist, wie es scheint: Die beeindruckende, metallisch glänzende Konzerthalle und Ausstellungsfläche in Röhrenform etwa (in der Bildmitte zu sehen) ist zwar ein Prestigeprojekt - aber eines, dessen Eröffnung bis heute auf sich warten lässt.

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Eine Agentur mit dem vielsagenden Namen "Brutal Tours" führte Wagener in Tiflis durch die oft schroffen Reste der Sowjetzeit. "Was ich vorher nicht wusste, ist, dass ja das durchaus hehre Ziel dahinterstand, Wohnraum für alle zu schaffen", so der Fotograf. Das Ergebnis waren zum Beispiel diese Wohntürme, verbunden durch Brücken.

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Viele der Sowjetbauten stehen aber inzwischen leer, in manchen campieren Obdachlose oder Flüchtlinge. Hier das Portal der ehemaligen technischen Universität von Tiflis, versehen mit typisch monumentaler Symbolik.

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Als krassen Gegensatz zu diesen Relikten hat Wagener das "Fabrika Hostel" erlebt - "eines der schicksten", das er bisher auf Reisen gesehen hat. An stylischen Orten wie diesem, wo es "alles gibt, was das Herz begehrt", sammele sich "das übliche Hipstervolk" aus aller Welt, das mittlerweile Georgien als Trendziel entdeckt hat.

Tiflis ist für Gäste aus dem Westen sehr günstig, bietet aber eine "nette Party- und Musikszene", wie Wagener findet. Während seines Besuchs war gerade Fashion Week, Islands Superstar Björk machte auf ihrer Tour Station - "das kommt also alles sehr weltstädtisch daher". Allerdings: Das Kulturleben passiere doch in einem recht kleinen Kreis, "die High Society beschränkt sich auf eine Handvoll Leute", so der Eindruck des Fotografen.

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Wer die Augen offenhält, kann in Tiflis an allen möglichen Orten denkwürdige Abende verbringen. Einmal landete Wagener nachts - eigentlich schon auf dem Heimweg zu seinem Apartment - in der Altstadt in der "Alibibar". Herzlich begrüßt, natürlich mit reichlich Schnaps, habe er sich letztlich mit Einheimischen "sehr fatal erstmals im hohen Alter beim Bierpong vergnügt", erzählt der 42-Jährige selbstironisch. Ein Trinkspiel, das sich bei den günstigen Getränken in Plastikbechern natürlich besonders anbietet.

Ob in der Altstadtbar oder auf dem Land: Die Begegnungen seien während der gesamten Reise immer ausgesprochen freundlich und angenehm verlaufen, sagt der Fotograf im Rückblick - "eine Sache, die man zu schätzen lernt, wenn man aus dem gestressten Deutschland kommt".

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Das Nachtleben von Tiflis also brummt. Gleichzeitig fand Wagener es bemerkenswert, "wie christlich die Jugend dort nach wie vor ist". In Armenien habe er das noch intensiver erlebt, aber auch in Georgien seien die weltberühmten Kirchen und Klöster ganz offensichtlich viel mehr als historische Relikte.

Für Gäste sind sie vor allem beeindruckende Kunstwerke - wie hier die Sioni-Kathedrale. Sie wurde im 6. und 7. Jahrhundert erbaut und gilt als eine der heiligsten Stätten für die orthodoxen Gläubigen im Land.

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Das reiche kulturelle und architektonische Erbe in die Zukunft hinüberzuretten, ist für Georgien dennoch nicht gerade einfach, zumal oft das Geld fehlt. In der Altstadt von Tiflis etwa stützen diese historisch nicht gerade stimmigen Konstruktionen alte Fassaden. Besonders die extremen Klimaschwankungen - mit heftigen Niederschlägen und dann wieder massiver Trockenheit - greifen die Bausubstanz stark an, so Wagener.

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Während die Hipster in Tiflis feiern und Bildungsreisende die Spuren der Jahrtausende bewundern, lockt Georgien noch eine ganz andere Art Besucher immer stärker an: Wanderer und Tracker, die in die großartigen Bergwelten eintauchen.

Kein Wunder, sagt Wagener: "Ich bin auch gerne in den Alpen, aber in Georgien fand ich die Berge doch spektakulärer, das geht schon Richtung Himalaya", sagt er. "Zu dieser Jahreszeit - zu Beginn des Winters - erlebt man die Gegend dann auch fast alleine", sagt er. Auf einer der Hütten übernachtete er als einziger Gast, da die Saison eigentlich beendet war. Bei seiner Bergtour bei Kazbegi im Norden erlebte Wagener denn auch den ersten Schnee des Winters. Das Bild zeigt das Chaukhi-Massiv.

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Wahrlich wilde Natur gibt es also in Georgien, aber sie wird auch immer wieder unterbrochen. Dabei ein überraschend unterhaltsamer Anblick: Grabsteine.

"Fast jeder ist individuell gestaltet, teils mit sehr skurrilen Bildern", erzählt Wagener. Oft, wie auch bei diesem Exemplar, werden alte Fotos in Schwarz-Weiß-Ästhetik verwendet, auf denen die Verstorbenen viel jünger aussehen, als sie es bei ihrem Tod waren. Unterwegs lernte der Deutsche einen anderen Fotografen kennen, der solche Steine dokumentiert. Der erklärte ihm, die Idee dahinter sei eben, dem Betrachter zu zeigen, wie der jeweilige Mensch lebte, wie er war.

In diesem Fall - entdeckt in der Nähe von Kazbegi - handelte es sich offenbar um einen echten Genießer, der mit ganzem Herzen dem Wein zugetan war. Eine nationale Tradition, auf die die Georgier unglaublich stolz sind - Wein wird seit geschätzt 8000 Jahren in der Gegend angebaut.

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Unterwegs sah der Fotograf aber auch viele Kilometer lange Staus von Lastwagen. Diese stünden dort auf dem Weg nach Russland teilweise tagelang, wurde ihm gesagt, bis die Erlaubnis zur Grenzüberquerung erteilt wird.

Das zwiespältige Verhältnis zum großen Nachbarn im Norden hat das 20. Jahrhundert für Georgien entscheidend geprägt und ist im 21. nicht weniger kompliziert geworden. Über der alten Militärstraße, die sich von Tiflis bis Wladikawkas in Nordossetien durch die Berge windet, thront wie aus der Zeit gefallen dieses georgisch-russische "Freundschaftsdenkmal", errichtet in den letzten Jahren vor dem Zerfall der Sowjetunion. Im Bild nicht zu sehen: Nahe bei der Rotunde stehen Buden mit Getränken und Snacks, nicht viel weiter ein Hotel, "das ist schon fast Skigebiet".

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Ebenfalls nicht allzu weit vom "Freundschaftsdenkmal" entfernt: ein abgeschossener russischer Kampfjet als Ausstellungsstück. Der Fahrer, mit dem Wagener in der Gegend unterwegs war, brachte ihn zwischen Kutaissi und Tschiatura "voller Stolz" zu einer alten Kommandatur, in deren Garten das Objekt wie eine Trophäe präsentiert wird. Ein spezielles Andenken an den Krieg, der im August 2008 zwischen Georgien und Russland aufflammte und noch sehr präsent ist.

Es ist diese allgegenwärtige Zeitgeschichte, "von der man immer gehört hat, und die man dann dort immer noch spürt", die die Region für den Fotografen so spannend macht.

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Auf dem Weg nach Gori über Land kreuzten sich Wageners Wege mit diesem gemütlichen Trio plus Hund. 200 Kilometer weiter lag zu diesem Zeitpunkt schon Tiefschnee in den Bergen - unten in den Ebenen herrschten noch 24, 25 Grad. "Wie eine Wüstengegend" habe sich die weite Landschaft angefühlt. Einmal mehr waren für den Fotografen Georgiens Gegensätze sogar körperlich spürbar.

Später, am Schwarzen Meer in Batumi, ging der Deutsche im November noch schwimmen. "Da haben mich die Georgier aber auch für verrückt gehalten, denen war das schon zu kalt", für ihn war es noch wie Sommer.

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Manchmal müssen Georgienreisende mehrmals hinsehen, bis sie begreifen, was sie da vor sich haben. Auf dem Felsen von Katskhi, 40 Meter über dem Boden, steht tatsächlich seit dem 7. Jahrhundert diese winzige Kirche. Wie Mönche sie damals erbauten, lässt noch heute staunen. Und während in Georgien eigentlich die Moderne Einzug gehalten hat, bleibt die skurrile Abgeschiedenheit auf dem Kalkstein bestehen. Noch immer führt nur eine Leiter nach oben - und ein einziger Mönch behütet seit den neunziger Jahren wieder nach dem Vorbild der Säulenheiligen die Stätte, die davor über Generationen verlassen war.

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Quelle: Michael Wagener

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Nicht weit von diesem ungewöhnlichen Ort liegt Tschiatura im eindrucksvollen Tal des Flusses Qwirila. Die Bergbaustadt ist eng mit dem Abbau von Manganerz verbunden, in jüngeren Jahren überschattet von Vorwürfen extremer Umweltzerstörung. Häuser und Infrastruktur sind teils eklatant verfallen. Unverwechselbar wird Tschiatura aber durch ein typisches Fortbewegungsmittel - die schwindelerregende Seilbahn aus den fünfziger Jahren nämlich, aus der auch dieses Bild aufgenommen wurde.

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Wegen der Seilbahnen nahm auch Wagener den Weg in die Region Imeretien auf sich, gelten die Linien doch als besonders eindrückliches Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Kaum verändert, schaukeln die metallenen Kabinen bis heute aus dem Tal hoch auf die umliegenden Berge. Und das nicht etwa als skurrile Touristenattraktion, sondern wie eh und je als wichtigstes öffentliches Verkehrsmittel für die Bürger und Arbeiter.

Sehr schräg fühle es sich an, als Fremder mitzufahren, erzählt Wagener - "sehr spooky, es knirscht überall, man muss schon ein bisschen mutig sein", vor allem wenn man sich die fehlenden Sicherheitsseile bewusst mache. Etwa 15 Minuten dauerte eine Fahrt, an den Kontrollstellen gesteuert von alten Damen, während Arbeiter in der Kabine bereitwillig ein Schnäpschen anboten. In Zukunft, so hat Wagener erfahren, solle das Ganze womöglich von einer Schweizer Firma renoviert werden. Noch aber sind immer noch "überall Stalin- und Leninköpfe" drauf.

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Quelle: Illustration Jessy Asmus

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Michael Wagener fotografiert so oft wie möglich in aller Welt, wenn er nicht gerade an einem Kölner Gymnasium Kunst unterrichtet. Ein Sabbatical nutzt der 42-Jährige dafür besonders intensiv - neben Georgien, Aserbaidschan und Armenien besucht er dabei unter anderem die Kapverden sowie bald Nordindien bei Ladakh, wo er ein NGO-Projekt zur Unterstützung von behinderten Kindern begleitet. Seine Arbeiten zeigt er immer wieder in Ausstellungen sowie hier auf seiner Website.

In dieser Serie stellt SZ.de interessante Reisefotografen vor. Bislang ging es mit ihnen in die Metropolen der Welt, nach Vietnam, tief unter die Meeresoberfläche, zu indigenen Stämmen auf den Philippinen und mitten in die deutsche Städtelandschaft, an Vulkankrater sowie zur wahren Seele der Eisberge, nach Südamerika, Hongkong, nach Taiwan, Island, Bangladesch, in die US-Südstaaten, nach "Senegambia" und Rio de Janeiro sowie in den glühenden Sommer von Tadschikistan. Weitere Episoden zeigten bereits Reisen durch Schottland, Afrika, Armenien, Myanmar, Rumänien, Iran, Spitzbergen und Georgien sowie die Lieblingsorte eines Globetrotters, der alle Unesco-Welterbestätten abbilden will.

© SZ.de/edi/
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