Insel Procida Die Schöne im Schatten von Capri und Ischia

Schauplatz von "Il Postino" und "Der talentierte Mr. Ripley": Die Bucht Corricella auf Procida.

(Foto: Robert Harding/imago)

Die Insel Procida im Golf von Neapel hat sich das Flair der Sechzigerjahre bewahrt. Jetzt ist sie um eine Attraktion reicher: ein altes Gefängnis.

Von Dieter Jaeschke

Steil ragt der Fels aus dem Meer empor, gut 80 Meter hoch. Auf seiner Spitze thront eine wuchtige Festung, die Mauern scheinen geradezu aus dem Gestein zu wachsen. "Terra Murata", gemauerte Erde, nennen die Italiener diesen Bau auf der Insel Procida. Der alte Adelspalast, 158 Jahre lang als Gefängnis genutzt, leuchtet hell über dem Meer. Nach Jahrzehnten des Verfalls ist ein Teil davon nun wieder zugänglich - für Besucher, die heute ganz freiwillig kommen.

Gemächlich fährt die Fähre durch den Golf von Neapel, lässt Stadt und Vesuv hinter sich. Es ist früher Vormittag, etwas Dunst liegt über der See. Das Schiff dreht nach Norden ab und gibt den Blick auf die Inseln frei, noch liegen Procida und Ischia scheinbar verwoben ineinander. Als sich der Dunst lichtet, taucht als Erstes der Burgberg auf. Erhaben. Aber auch bedrohlich. Angekommen im Hafen, geht es zunächst an bunten Häuschen in Pastelltönen vorbei, an Tante-Emma-Läden. Und am Klub der pensionierten Kapitäne. An der Bar Roma biegt rechts die Via Vittorio Emanuele ab.

"Dottò, noch einen Caffè?"

"Diesen Weg sind sie gegangen, die Gefangenen, die von den Carabinieri in Fesseln zum Verlies geführt wurden", erinnert sich Giacomo Retaggio. Der 80 Jahre alte Mediziner kommt jeden Tag in seine Stammbar, die Bar Roma, trinkt seinen Espresso und diskutiert mit Freunden. Retaggio ist das, was man in Süditalien einen Personaggio nennt, eine Persönlichkeit, geachtet über unterschiedliche politische Ansichten hinweg. Er war 25 Jahre lang Gefängnisarzt, bis zur Schließung des Kerkers 1988, und schrieb zehn Bücher über die Geschichte und Kultur von Procida. "Dottò, noch einen Caffè?", ruft der Barista. Heute nicht, der alte Herr mit dem kahlen Kopf und den wachen Augen hat es eilig. Er nascht noch schnell ein süßes Teilchen aus luftigem Blätterteig, eine Lingua di Suocera. "Gibt's so nur auf Procida", kommentiert er knapp.

Der Dottore geht voran, die Via Vittorio Emanuele hinauf. Alte, hohe Wohnhäuser mit steilen Treppen, in den Erdgeschossen kleine Boutiquen. Lebensmittelgeschäfte. Der Zeitungskiosk. Eine Weinhandlung. Auf Capri sind solche Ladenlokale in der Hand der großen italienischen Designer und namhafter Juweliere. "Der Tourismus auf Procida ist dagegen kaum entwickelt", sagt Retaggio. "Das ändert sich allmählich, die Öffnung des Gefängnisses ist ein Markstein auf diesem Weg." Von 1830 bis 1988 diente der verlassene Adelspalast zunächst als Kerker für politische Gefangene der Bourbonenkönige Neapels, später für Schwerverbrecher. "Camorrabosse, Mörder, alle hatten wir sie hier", so Retaggio. Nach Jahrzehnten des Verfalls überließ der italienische Staat die Ruine 2013 der Inselgemeinde. "Das ist so, als würde man einer mittellosen Person einen alten Ferrari schenken", sagt der pensionierte Arzt. "Im Inneren sind ganze Flügel eingestürzt oder zumindest einsturzgefährdet. Eine richtige Restaurierung würde vermutlich einige Hundert Millionen Euro kosten."

Geld, das die Kommune nicht hat. Dennoch ist man sich der historischen Bedeutung bewusst. Ehrenamtliche Ortskundige führen nun an vier Tagen der Woche durch die wenigen sicheren Trakte. "Wir sind auf dieses Engagement angewiesen, denn die Verwaltung hat keine Leute, um Besichtigungen anzubieten", sagt Raimondo Ambrosino, Bürgermeister von Procida. Er erkennt darin auch einen "Mentalitätswandel" unter seinen Mitbürgern. "Jeder, der früher über das Meer zu uns kam, war erst einmal ein Frastiero, ein Fremder, denn unsere Wirtschaft basiert nicht auf Tourismus wie auf Ischia und Capri." Seit Generationen fuhren die Bewohner Procidas zur See oder legten als Fischer die Netze aus. "Die jüngeren Leute sind aufgeschlossener, wir haben mehrere Vereine, die unsere Baudenkmäler pflegen und Führungen für Besucher anbieten", so Ambrosino. Etwa in der Abtei des Erzengels Michael oder in den Casali, Wohnblöcken mit burgartigen Zugängen, die in der Zeit der Sarazenenüberfälle Schutz boten; auch auf dem Felsen Vivara, der mit Procida durch eine Brücke verbunden ist und einst das Revier der Feudalherren für die Fasanenjagd war. "Mediterrane Flora und Fauna gedeihen hier vollkommen ungestört", erzählt der Bürgermeister. "Es gibt weder Wohnbebauung noch Straßenverkehr."

An der Piazza dei Martiri, auf halber Höhe zwischen Hafen und Zuchthaus, hat man einen wunderbaren Blick auf die Rückseite der Insel. Die Bucht der Marina Corricella mit ihren bunten und ineinandergeschachtelten Häuschen in Würfelform gilt vielen Italienliebhabern als eine der schönsten des ganzen Landes. Fischer flicken Netze. Wäsche hängt zum Trocknen an Leinen. Auf den Tischen der Freiluftlokale dampfen Linguine mit Meeresfrüchten und andere Köstlichkeiten. Am selben Ort ließ Regisseur Michael Radford den Schauspieler Massimo Troisi im Film "Il Postino" mit Gedichten um die Gunst der schönen Beatrice werben; auch Matt Damon und Gwyneth Paltrow nippten in diesem Setting in "Der talentierte Mister Ripley" am Martini und blinzelten bei gleißender Sonne aufs Mittelmeer.

Der einstige Palast wurde zum Zuchthaus umgebaut. Die Inselbewohner lebten gut davon

"Millionen haben unsere Buchten schon im Kino bewundert - ohne zu wissen, dass es sich um Procida handelt", sagt Franco Barone, der an der Piazza auf den Dottore getroffen ist. "In den meisten Filmen gibt es nämlich keinen expliziten Verweis auf Procida, und so wissen nur Kenner, was es bei uns zu entdecken gibt." Die Bucht Pozzo Vecchio mit ihrem dunklen, feinen Vulkansand, die Felsen von Vivara oder eben die Corricella. Barone, dessen 59-jähriges Gesicht von unzähligen auf dem Boot verbrachten Mittagspausen tief gebräunt ist, blickt nach unten: "Noch vor zehn, 15 Jahren hat es dort nur zwei oder drei Lokale gegeben. Heute ist die Corricella voller Restaurants, Weinbars und Ferienwohnungen, die davon profitieren, dass die Bucht das süditalienische Flair der Sechzigerjahre atmet, im Film und in der Wirklichkeit." Barone und seine Frau Giovanna stehen selbst für den Wandel der Insel. Beide sind eigentlich Lehrer, betreiben aber seit gut 15 Jahren ein kleines Hotel mit Blick auf die Bucht.

Von der Kirche Santa Maria delle Grazie schlägt es ein Uhr mittags. Für Dottor' Retaggio ist es nun Zeit, sich zu verabschieden, das Mittagessen wartet. Giovanna Barone aber hat Schulschluss und kommt vom Nautischen Gymnasium herüber, sie hält einen dicken Schlüsselbund in der Hand. "Avanti!" Wenige Hundert Meter geht es nun noch steil hinauf. Die Via Salita Castello führt zur "Terra Murata", dem ältesten Siedlungskern der Insel. Griechisch muten die Kuppelbauten an. Mittendrin: der Eingang zum alten Gefängnis. "Istituto di Pena" steht in Marmor geschlagen über dem Tor, der ockerfarbene Putz ist fast komplett abgeblättert. Über der Inschrift hängt eine Gottesmutter, die allen Trost spenden sollte, die hinter Gitter mussten. Ein leichter Wind weht über den Vorhof. Gras und Unkraut wuchern an vielen Ecken, dann und wann zwitschern Vögel.

Giovanna führt uns in einige der Zellen. Kleine enge, in denen es nur ein Bett gab. In anderen, den Camerate, standen bis zu 40 Pritschen. Die großen Fenster sind glaslos, die Wände meterhoch, in der meeresfeuchten Luft rosten die alten Gestelle vor sich hin. Es riecht nach Salz und Muff. "Das Gefängnis hatte wegen der ständigen Überbelegung und der prekären sanitären Anlagen einen schlechten Ruf", erzählt Giovanna. Diese Misere war für die Häftlinge nicht unbedingt gewollt: "Der Feudalherr Innico d'Avalos legte die Burg 1560 als Palast an. Was ursprünglich für einen kleinen Hofstaat gedacht war, diente später zeitweise für mehr als 500 Gefangene. "So geriet das Gefängnis auch zu einem beachtlichen Wirtschaftsfaktor für die Insel", erzählt Giovanna Barone. "Mit den Wächtern und Beamten waren es 700 bis 800 Personen, die hier oben täglich versorgt werden mussten." Versorgt - und beschäftigt. "Die Schreinerei des Zuchthauses war für ihre präzisen Arbeiten bekannt, doch auch die Taue, die Häftlinge für die Seefahrt herstellten, waren von guter Qualität."

Überbleibsel dieser Zeit finden sich überall auf dem Gelände. In manchen der alten Zimmer rotten Seile und Stoffe vor sich hin, in einem der Innenhöfe steht noch eine riesige Kreissäge. Selbst die Fischer orientierten sich am Rhythmus der Haftanstalt. "Wenn die Wächter um Mitternacht begannen, mit Eisenstangen gegen die Gitter zu schlagen, um deren Unversehrtheit zu prüfen, wussten die Fischer, dass es Zeit war auszulaufen." Bei derart strengen Kontrollen scheint allein der Ausblick aus den Zellen ein kleiner Trost für die Verbannten gewesen zu sein. Eine schönere Aussicht aus einem Gefängnis kann man sich zumindest kaum vorstellen. Durch die Gitterstäbe schaut man auf den Golf von Neapel, auf den Vesuv, auf Capri, auf die azurblaue See. Ein kleines weißes Segelschiff kreuzt vorbei. Sachte scheint es zu neuen Ufern aufzubrechen. So wie die Insel selbst.

Reiseinformationen

Anreise: Flug nach Neapel z. B. mit Lufthansa von München oder Frankfurt, ab Köln mit Eurowings, ab Berlin mit Easyjet, hin und zurück ca. 300 Euro. Vom Flughafen in 30 Minuten mit dem Alibus (4 Euro) zum Fährhafen Molo Beverello, von dort starten ständig Schnellboote, "Aliscafi", (eine Fahrt ca. 15 Euro) nach Ischia. Die meisten halten in Procida. Online-Reservierung möglich, in der Nebensaison nicht nötig, www.procida.net/orari.htm

Unterkunft: Boutiquehotel "La Casa sul Mare"; Haus in traumhafter Panoramalage, alle Zimmer mit Meerblick und kleiner Terrasse; Frühstück im Garten mit Blick auf die Corricella-Bucht, Ü/F im DZ ab 100 Euro, www.lacasasulmare.it; Hotel "La Corricella", gelegen am Rande der Fischerbucht mit Fischrestaurant "La Lampara". Ü/F im DZ ab 80 Euro, www.hotelcorricella.it

Besichtigung von "Terra Murata": Die Führung mit Rundgang durch den Kerker (10 Euro) muss vorab online gebucht werden. www.comune.procida.na.it

Weitere Auskünfte: www.visitprocida.com

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