Itacaré in Brasilien Eins mit der Natur

Schützenswert: Zehntausende Hektar Land zwischen Itacaré und Serra Grande wurden zur APA-Schutzzone und zum Unesco-Welterbe erklärt.

Im Süden des brasilianischen Bundesstaates Bahia gibt es viel ungebändigte Natur. Vielleicht ziehen deshalb so viele Menschen hierher, um nachhaltige Lebensformen zu erproben.

Von Christine Wollowski

Angefangen hat es mit den Surfern. Sie haben die Strände entdeckt, die sich im Süden Bahias zwischen dichtem Regenwald verstecken und nur über verschlammte Lehmpisten erreichbar waren. Ihre Erzählungen von Wellen, überwältigender Natur und gastfreundlichen Fischern lockten weitere Surfer nach Itacaré. Bis irgendwann der Erste eine Pizzeria aufmachte, ein Zweiter den Energiesnack Açaí verkaufte und ein Dritter eine Pension baute.

Allmählich wuchs Itacaré zur mittleren Stadt, zum lässigen Urlaubsziel für Surfer und Alternative. Heute gehört das Städtchen zu Brasiliens international besuchten Urlaubszielen. Neben Pizza und Açaí wird längst Sushi und Surfmode angeboten, und sogar Nicolas Sarkozy und Paul McCartney waren schon hier.

Die VIPs wohnen allerdings nicht im Ort, sie bevorzugen den Regenwald, genauer das Txai-Resort. Das Txai ist eines der edelsten Resorts Brasiliens und eine Erfindung von ein paar Leuten aus São Paulo: Sie kauften sich eine 100 Hektar große Farm an einem der schönsten Strände und beschlossen, die Natur zu nutzen, ohne sie zu zerstören. "Wir haben beim Bau keinen einzigen Baum gefällt", erzählt Geschäftsführer Paulo Silva stolz und zeigt, wie ein Bungalow sich elegant an einen Cashewbaum lehnt - und diesen trotzdem ungehindert weiter wachsen lässt. Die Gäste des Txai sehen das Meer nur durch Kokospalmen und Gebüsch durchschimmern. Sie müssen weiter laufen als in schicken Hotels sonst üblich, um durch die dichte Ufervegetation an den weißsandigen Strand Itacarezinho zu gelangen.

Nachhaltigkeit als Verkaufsargument

Das Wort Txai entstammt einer Indio-Sprache und bedeutet so etwas wie "Gefährte" - womit jede Art Lebewesen gemeint sein kann. Folgerichtig finanziert das Resort ein Projekt zum Schutz der Meeresschildkröten und unterstützt Kleinbauern wie José Gomes beim Anbauen von Biogemüse. "Früher haben wir Kunstdünger gestreut, um den Boden zu verbessern, und wenn er trotzdem nichts mehr hergab, haben wir eben mehr gerodet", erzählt Gomes und fügt hinzu: "Wir haben es ja nicht besser gewusst." Inzwischen ist er stolz darauf, keine Bäume mehr zu schlagen und nur mit Laub und Tierdung zu arbeiten. Salat, Rucola und anderes Gemüse, auch Bananen verkauft er ans Resort und auf dem wöchentlichen Biomarkt in Itacaré. Nachhaltigkeit ist vor allem bei zahlungskräftigen Urlaubern ein Verkaufsargument.

Warum sich aber gerade in der Gegend um Itacaré so viele Menschen Gedanken über die Umwelt und alternative Lebensformen machen, kann niemand erklären. Es gibt hier nicht nur das Txai. Es gibt die Waldorfschule Dendê da Serra, die Bewegung der "Mäzene des Lebens", die Esoterik-Kommune von Piracanga, das Retreat-Zentrum Pedra do Sabiá - und das sind längst nicht alle Projekte. Dazu kommen private Naturschutzgebiete und Einzelpersonen, die im Wald ihre Vorstellungen von Nachhaltigkeit und Spiritualität leben. Vielleicht, weil der Regenwald hier noch zu retten ist; weil es hier so unbändig viel Natur gibt, dass es leicht fällt, sich als Teil davon zu fühlen; oder weil vor ihnen schon andere da waren und sie nicht ganz allein und von vorn anfangen mussten.