Leider auch Windjacken, Baseball-Kappen und T-Shirts, die ohne Genierlichkeit aus den Supermarktregalen gerissen und - das verschwitzte alte Hemd liegt am Boden - gleich neben dem Fisch-Buffet anprobiert werden. Kein direkt erfreulicher Anblick.

Anzeige

Sylt hat eben viele Gesichter. Man kann nicht nur die schon vormittags in verschiedenen (beheizten) Außenbars saufenden Jung-Erben beobachten, die Barenboim gewiss für eine Automarke und Sartre für ein neues Hotel auf den Seychellen halten; man kann ebenso gut sich der Menschen erfreuen, die - ganz gleich zu welcher Jahreszeit - die stets ausverkauften und meist hervorragenden Konzerte in der von Kerzenlicht durchfluteten Keitumer St.-Severin-Kirche besuchen, Scherflein an der Ausgangstür inbegriffen.

Man kann sich verwundern ob der sonderbaren Sitte von "Strandhochzeiten", bei denen ein Pastor im windgeblähten Talar hinter einem Wackeltischchen im Sand den Segen spricht, davor die weißgeplusterte Braut mit dem künftigen Gemahl, dunkler Anzug mit zu kurzen Ärmeln - und die obligate Frage "Wollt ihr . . . ?" gegen die Brandung brüllt.

Man kann sich erbosen darüber, dass selbst in der "Hauptstadt Westerland" die Suche nach einer Badekappe vergeblich bleibt - es sei denn, man will seinen Kopf mit einem Latex-Kondom in Signalgelb oder Orange schmücken. Man kann sich ärgern über das Motoren-Donnern der alljährlich stattfindenden Harley-Tage, an denen mit Hasenpüschel und gehörnten Helmen verunzierte alte Männer auf ihren resedagrünen und bonbonrosa heißen Öfen über Stock und Stein brettern - und man kann sich freuen, dass der Chef des Restaurants, Karsten Wulf, es ablehnt, Babybutt anzubieten, wie die Konkurrenzgaststätte Fisch-Fiete das Rezept für ihren Eintopf "Butt à la Felix" nicht verrät.

Die Natur aber - Cabrio hin, Cartier her - ist das eigentliche Wunder einer Insel, die Einsamkeit und Ruhe bietet dem, der sie sucht; mal das bis zum Fürchten gepeitschte Meer in seiner Vernichtungswut des Frühjahrs und des späten Herbstes, und sommers dann die friedlich im heißen Sand verborgen blühenden Dünenveilchen, so lila-blau-zart, als habe ein Biedermeier-Maler sie mit haarfeinem Pinsel auf Porzellan gemalt.

Sylt ist ein Plural. Ein jeder kann hier suchen, was er mag. Er wird es finden.

Fritz J. Raddatz, Jahrgang 1931, war von 1977 bis 1985 Feuilletonchef der Zeit und arbeitet heute als freier Publizist und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm: "Eine Erziehung in Deutschland" (Romantrilogie, 2006) "Das Rot der Freiheitssonne wurde Blut"(Literarische Essays, 2007) Raddatz arbeitet an einer Rilke-Biographie. Er lebt in Hamburg und auf Sylt.

Sie sind jetzt auf Seite 5 von 5

  1. Deutscher Frühling
  2. Deutscher Frühling
  3. Deutscher Frühling
  4. Deutscher Frühling
  5. Sie lesen jetzt Deutscher Frühling
Leser empfehlen 

(SZ vom 12.04.2008)