"Iceland" von Ulrike Crespo Island, wie es selbst Isländern unbekannt ist

Ein Bildband zeigt die Natur der Insel in Gletscherblau, Elfengrün und Giftgelb - als abstraktes Kunstwerk, in dem der Mensch seinen Platz finden muss.

Rezension von Ingrid Brunner

Es gibt Topografien und Farben, die der Betrachter sofort in einer Region verorten kann - etwa die rote Erde in Australien. Und andere, bei denen er sich grandios irrt - etwa die rote Erde, die es auch in Namibia gibt. Und es gibt Landschaften, die man auf Fotografien nicht als solche erkennt, ein Nirgendwo, das man für abstrakte Kunst halten könnte.

Island hat von alldem im Überfluss. Der Fotografin Ulrike Crespo ist es in ihrem Bildband "Iceland" gelungen, diese drei Seiten der Insel im Nordatlantik zu zeigen. Crespo ist dabei so wortkarg, wie es die Isländer angeblich sind. Sie lässt lieber die Wirkmacht ihrer Bilder sprechen. Lediglich im Vor- und im Nachwort findet sich Text.

Etüden in Eis

Bilder aus dem Reisebuch "Iceland" der Fotografin Ulrike Crespo - im dem Landschaften wirken wie abstrakte Kunst. mehr...

Eingangs kommt der Islandkenner Matthias Wagner K zu Wort, der Passagen des Romans "Das Graumoos glüht" von Thor Vilhjálmsson mit eigenen Texten zu einer poetisch-assoziativen Wortcollage zusammenbindet. Er schreibt treffend von Grauzonen-, Ockerzonen- und Blauzonenaugenblicken, die man in Island erlebt. Und stimmt damit ein auf die Magie von Crespos Fotografien, die - auch - nach einem farblichen Sinnzusammenhang gruppiert sind.

Mal sind es schwarze, fast monochrome Lavalandschaften, wären da nicht zart grüne, leuchtend rote, orangefarbene Flechten und Moose, die Vulkankrater, Basaltsäulen, Tuffstein besiedeln. Mal sind es die Ausdünstungen von Solfataren, giftig-gelblich bis ockerfarben wie die Farbpalette des Teufels. Dann wieder saftiges Grün von Moos, das ein Lavafeld überwuchert und in eine weich gepolsterte Loungezone für Elfen verwandelt.

Und erst das Blau: das spärliche Blau des Himmels, das von Mineralien gesättigte milchige Blau der Seen, das leuchtende Blau in tausend Jahre altem Gletschereis. Ihre Eisbilder sind wie Etüden zu Eis, ein Thema, das sie nicht loszulassen scheint. Hier zeigt sie das Island, das selbst Isländern, so Halldór Guðmundsson im Nachwort, unbekannt ist. Europas größte Wüste, schreibt der Autor Guðmundsson, ist nur an seinen Rändern bewohnbar.

Dort sollte der Mensch auch bleiben, um diese fragile Naturschönheit zu bewahren. Der Besucheransturm stimmt ihn nachdenklich. Ulrike Crespos Bildband hat einen Nerv getroffen, die erste Auflage ist bereits ausverkauft. Ihre Arbeit wird den Touristenstrom nicht bremsen. Eher im Gegenteil.

Ulrike Crespo: Iceland, Kehrer Verlag, Frankfurt, 2017, 240 Seiten, 48 Euro, die zweite Auflage ist Anfang Juli im Handel.

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