Früher gab es Bett und Bad, es gab glamouröse Grandhotels oder nette Pensionen. Inzwischen malträtieren uns die Design-Hotels. Eine Abrechnung.
Die gläserne WC-Zelle - endlich ist sie da: die Kabine, in der niemand mehr allein ist. Ein Designer hat sie erfunden, die Glasindustrie hat sie möglich gemacht, und im Restauranttrakt eines Hamburger Design-Hotels ist sie installiert worden. Sie hat eine leicht mattierte Glastür, die nicht allzu weit nach oben reicht und ein ganzes Stück über dem Boden schon endet. Lange Kerls, die an die Kabine herantreten und nach unten blicken, und Kleinkinder, die sich bücken, können also ohne Mühe feststellen, ob die angepeilte Zelle besetzt ist. Den mittelgroßen Menschen dürfte es schon schwerer fallen, denn auf die üblichen Benutzer-Installationen, auf rot-grüne Öffnungs-Anzeiger und etwas so Banales wie Türgriffe, hat der avantgardistische Designer hier kühn bis visionär verzichtet.
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Doch nicht diese technischen Details sind die eigentliche Besonderheit dieser Kabinentür, sondern das halbtransparente Glas, das Einblick gleichzeitig irritierend gewährt und aufs raffinierteste verwehrt. Alles, was der Eintretende direkt hinter der Glasscheibe an sich vornimmt, ist von außen detailgenau, aber verschwommen wahrzunehmen. Erst wenn der Insasse sich nach hinten auf die Brille niederlässt, verschwindet er im Nebulösen, mutiert zum grauen Schemen. Sobald er sich aber wieder erhebt, schiebt er sich erkennbar ins Blickfeld.
Angesichts dieses optischen Spektakels kann man sich die philosophischen Sprüche, die dem Erfinder dieser Klotür zu seiner Nahseh-Mattscheibe eingefallen sind, gut vorstellen: endlich Transparenz, wo sonst klaustrophobische Enge herrscht; endlich eine offene Atmosphäre, in der sich das Individuum frei entfalten kann; endlich ein kleiner Thrill im sonst so öden Nasszellenbereich. Selbst Stehpinkler können ihren Geschlechtsgenossen nun selbstbewusst zeigen, was sie in den Sitzkabinen anstellen.
Design kennt keine Grenzen - oder mäht alle Grenzen einfach nieder. Selbst für ordinäre Pissoirs haben sich engagierte Gestalter etwas wahrhaft Abgründiges einfallen lassen: In einem Design-Hotel in Berlin sind die Urinale im Männerklo wie weit geöffnete Frauenschmollmünder mit kräftig rot geschminkten Lippen geformt. Wer hier sein Wasser abschlägt und mit ansieht, wie hinter den beiden oben liegenden Hasenzähnen das Spülwasser hervorschießt, kann sich der abstrusen Vorstellung hingeben, dass seinem weiblichen Gegenüber vor Wonne das Wasser im Mund zusammenläuft.
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Träumen, planen, reisen
Lieber Herr Knapp,
das ist gar kein Rätsel. Das ist ganz klar. Ich lasse mir im Designhotel gar nicht vorschreiben, was ich für schön und praktisch halten soll. Sie ja auch nicht, oder? Das haben Sie ja nun auf sechs Seiten deutlich gesagt. Bin ich also dööfer als Sie? Aha. Da haben wir's. Haben Sie nämlich gedacht. Im Designhotel bekomme ich Ideen zum Angucken, ein bisschen was zum Mitdenken und häufig auch ein Konzept, den krassen Unfug mal ausgenommen, den Sie sich da herausgepickt haben.
Der eigentliche Wahnsinn liegt doch im Standardhotel mit Standardzimmern und Standardkonferenzräumen, überall gleich amerikanisch angemütlicht und irgendwie um höhere Bedeutung bemüht. Da bekomme ich Augenschmerzen und Depressionen. Da will ich nicht hin, es sei denn, Sie leihen Sie mir Ihren Kran mit Abrißbirne. Das halten Sie also aus? Da könnte ich jetzt richtig ironisch werden. Mach ich aber nicht, das wäre nun echt zu einfach; und eine Unterstellung, wie Ihre Rätselfrage. (Oder warten Sie mal, mach ichs doch?) Nein. Neinneinnein.
Viele Grüße jedenfalls!