Schwarzmeerküste in Bulgarien Weg mit der Platte

Bei Bulgariens Schwarzmeerküste denkt man an billigen Urlaub an langen Sandstränden. Doch es gibt längst viel mehr.

Von Monika Maier-Albang

Die Zeit drängt, der Bürgermeister wartet. Und weil sich Jordan Hristov, der einem gerade in seiner Yacht die Buchten von Primorsko gezeigt hat, für die Verspätung mit verantwortlich fühlt, packt er den Gast kurzerhand in den schwarzen S-Klasse-Mercedes. Hristov parkt vor dem Rathaus auf dem Taxistand, führt die Besucherin zur Empfangsdame. Die Zündschlüssel hat er stecken lassen, die Fenster stehen offen. Geht das in Bulgarien? Na klar, antwortet Jordan Hristov lachend, die Verbrecher seien längst alle im Gefängnis. Das mag stimmen. Oder es ist einfach so, dass einem wie Hristov ohnehin keiner im Ort das Auto zu stehlen wagt.

Jordan Hristov besitzt mehrere Hotels in Primorsko, und hier im Süden der bulgarischen Schwarzmeerküste, wo man die Türkei schon erahnen kann, ist diese Küste eine wildere als im Norden. Hier gibt es dünengesäumte Strände, Felsen mit dichtem Eichenwald und den Muschelstrand, der so heißt, weil sich hier Schalen aus Jahrhunderten abgelagert zu haben scheinen. Zwei Freunde betreiben am Strand eine Taverne, sie grillen, was die Fischer vorbeibringen: Steinbutt und Makrele, Hornhecht und Blaufisch. Dazu kommt Rakia, ein Obstbrand, auf den Tisch. Ein paar Bootsminuten entfernt liegt eine tiefgrün schimmernde Bucht, die nach der Heiligen Petka benannt ist; die Ruinen ihrer Kirche sind im Unterholz noch auszumachen. Schlangen brauche man nicht zu fürchten, sagt Hristov, der vorausgeht. Die hätten längst die Igel gefressen. Tatsächlich wurden zu kommunistischer Zeit überall entlang der Küste, wo der Tourismus Fuß fassen sollte, Igel ausgesetzt. Sie dezimierten die Schlangen. "Die Mäuse hat's gefreut", sagt Hristov. Wie überhaupt die kommunistischen Hinterlassenschaften Schatten- und Sonnenseiten haben.

Einige der Hotels, die Hristov betreibt, waren früher Erholungsheime staatseigener Betriebe. Er hat sie mit dem Geld, das er als Manager in Maschinenbau-Unternehmen in Deutschland, China und Südafrika verdient hat, auf europäisches Sterne-Niveau gehoben - mit Pools im Garten und Marmorboden am Empfang. Die sozialistische Kastenbauweise bleibt natürlich, aber es ist zumindest der Versuch, ein zahlungskräftigeres Publikum nach Bulgarien zu locken, eines, dem es am Sonnenstrand mit seinen Hotelburgen zu eintönig ist, das sich für die Kultur des Landes mehr als für seine billigen Biere interessiert. Beglik Tash liegt in der Nähe von Primorsko, ein bulgarisches Stonehenge; erst seit diesem Sommer werden hier Führungen angeboten. Dazu Sozopol mit seinen schönen, holzgefassten "Wiedergeburtshäusern" aus dem 19. Jahrhundert, jener Zeit, als sich Bulgarien in blutigen Kämpfen vom Osmanischen Reich gelöst hat. Gerade erst hätten Archäologen am Strand Siedlungsreste entdeckt, erzählt Dimitar Germanov, der Bürgermeister von Primorsko.

Die Funde sind noch undatiert, als Bewohner kommen viele infrage, denn gesiedelt haben entlang der Küstenregion Thraker und Griechen, Römer, Protobulgaren, Türken. Entsprechend bunt wirkt die Küche des Landes, irgendwie aber auch so, als sei das eigene immer geborgt: Der Schopska-Salat erinnert ans Essen beim Griechen, nur wird der Käse hier über Gurken und Tomaten geraspelt. Liegt Ljutenitza beim Brot, sieht es aus wie Ajvar, schmeckt aber tomatiger. Vor allem junge Bulgaren suchen denn auch nach ihrer, nach einer bulgarischen Identität. Das Land ist seit 2007 EU-Mitglied, und es drängt auch mit dem Herzen nach Europa. Die EU hat Arbeit gebracht, allerdings auch teures Benzin. Der Tourismus ist eine wichtige Einkommensquelle, und doch gibt es erst seit vergangenem Jahr ein eigenständiges Ministerium, fangen die Bulgaren erst jetzt an, sich Gedanken darüber zu machen, wie man heute Besucher ins Land zieht.

An der Promenade von Burgas können sich Gäste von den weltumrundenden Fußknabber-Fischchen pediküren lassen.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Jordan Hristov könnte, wäre Zeit, noch mehr zeigen von seiner Heimat, in die er heimwehgeplagt vor 15 Jahren aus Deutschland zurückkehrte. Er kam, um am Aufbau Bulgariens mitzuarbeiten. Aber das sei nach wie vor nicht einfach, sagt der Unternehmer: keine politische Stabilität, überhaupt wenig Staat, wenig, auf das Verlass ist, auch auf kommunaler Ebene. Die Zufahrtsstraßen, die Kanalisation für seine Hotels: "Habe ich selbst machen lassen. Sonst würde ich heute noch warten", sagt Hristov.