23. November 2012 12:25 Streit um begehbares Gipfelkreuz in Tirol Kirchturm auf dem Berg

Die Tiroler Gemeinde St. Jakob will eine 36 Meter hohe begehbare Skulptur auf einen Gipfel stellen. Gegner sprechen von einem "Monster", Befürworter von einem "Touristenmagneten".

Von Cathrin Kahlweit

Vier Arme soll das umstrittene Konstrukt haben und damit rundum begehbar sein.

(Foto: Illustration: Bergbahn Pillersee)

Dass es so ein Kreuz mit dem Kreuz werden würde, hatte man bei der Bergbahn Pillersee in Tirol nicht geahnt. Immerhin gibt es doch große Vorbilder: das Pilgerkreuz am Ölberg in Veitsch zum Beispiel. Der kleine Ort in der Steiermark hatte sich ein 40 Meter hohes, innen begehbares Wahrzeichen gegönnt, in dem man sogar heiraten kann. Die Christus-Statue über Rio de Janeiro ist alles in allem 38 Meter hoch, samt Kapelle im Sockel. Oder das Millenniumskreuz im mazedonischen Skopje: satte 66 Meter Höhe und nachts beleuchtet.

Das Jakobskreuz auf der Buchensteinwand soll, wenn es nach den Gesellschaftern der Bergbahn geht, nur 30 Meter hoch werden, 36 maximal, wenn man den Sockel einrechnet. Es soll, das betonte der Aufsichtsratsvorsitzende auf einer Gemeinderatssitzung, kein "weiterer Spielplatz am Berg" werden, sondern eine ernsthafte Sache. Unterstützt vom Ortspfarrer und der Diözese Salzburg, von den Nachbargemeinden, vom Land.

Und doch: An diesem Sonntag wird eine Bürgerbefragung in der kleinen Stadt St. Jakob in Haus stattfinden, die Einwohner sollen darüber abstimmen, ob sie auf ihrem Berg ein solches Monument haben wollen, mit Lärchenschindeln bedeckt, innen mit einem Lift befahrbar, als Ausstellungsraum zu benutzen - und mit vier anstelle von zwei Armen ausgestattet. Was, wenn man ehrlich ist, der Kreuzform nicht unbedingt entspricht, aber einen schönen 360-Grad-Blick ermöglicht.

Eine erste Abstimmung im Gemeinderat war mit 6:5 Stimmen denkbar knapp ausgegangen. Die ÖVP war dafür, die SPÖ dagegen gewesen. Seither sind mehr als 150 Einsprüche gegen das Projekt eingegangen - was eine Menge ist, wenn man bedenkt, dass St. Jakob nur 770 Einwohner hat. Manfred Bader, bei der Bergbahn Pillersee mitverantwortlich für das Projekt, glaubt mittlerweile an eine "politische Kampagne".

Der Grund, warum sich das kleine St. Jakob ein so großes Kreuz auf den Hausberg stellen will, ist ein wirtschaftlicher, und das wird auch sehr offen diskutiert.

Der Tourismus in alpinen Skiorten leidet an Schneemangel, zurückgehenden Übernachtungszahlen und der Sehnsucht der Menschen nach Spiel und Spaß, nach Fun. Also werden allerorten Attraktionen in die Berge gebaut, die Touristen zu jeder Jahreszeit anlocken sollen, auch Nicht-Wanderer und Nicht-Skifahrer. Mit Nachhaltigkeit und sanftem Tourismus hat das oft nur wenig zu tun.

Bergauf, das Journal des Österreichischen Alpenvereins, hat in seiner Oktober-Ausgabe unter dem Titel "Fun statt Spaß" gerade wieder darüber gewettert, dass technische Erlebnisinstallationen überall als Highlights herhalten müssten. "Alpines Wettrüsten" nennt der Autor diese Entwicklung. Und beklagt, dass der Ausblick vom Gipfel offenbar "nur dann als einzigartige Erfahrung gelten kann, wenn eine ausgefallene Stahlkonstruktion den Blick führt".

Nun, im Fall von St. Jakob ist es eine riesige Holzkonstruktion, aber den Blick führt und fängt sie im Zweifel auch, weshalb Gegner des Kreuzes auf einer Bürgerversammlung von einem Monster sprachen, das die Gegend verschandele. Ob denn ein gutes, altes Gipfelkreuz nicht mehr ausreiche, um die Leute auf den Berg zu locken, fragt sich manch einer. Und ob es die Aufgabe des Ortes sei, den Gasthöfen am Berg und an der Bergstation mit einem "pseudoreligiösen Symbol Kunden zuzuführen".

Bei der Bergbahn Pillersee hat man sich das ausgerechnet. Man setzt auf den Sommertourismus, wie es die Konkurrenz überall tut, und will mit dem Jakobskreuz am Jakobsweg neue Arbeitsplätze schaffen oder, wenn es nicht ganz so toll läuft, immerhin die bestehenden 120 Arbeitsplätze erhalten. Bürgermeister Leonhard Niedermoser ist dafür, das sei eine "saubere Sache", ein "Alleinstellungsmerkmal", und es koste die Gemeinde keinen Cent. SPÖ-Mann Franz Reiter ist dagegen. Er findet, eine Bergbahn sei dazu da, Leute auf den Berg und wieder herunterzubringen und im Zweifel lieber in Beschneiungsanlagen oder neue Lifte zu investieren statt in "Emotionen".

Die Sache ist schwierig, ja fatal. Ein Ort wie St. Jakob in Haus lebt vom Tourismus. Die Bergstation ist nur 1555 Meter hoch, da zeigen sich mittlerweile auch im Skigebiet rund um Pillersee-Hochfilzen-Buchensteinwand nicht selten Winterwiesen statt Schneeflächen. Aber kann, darf die neue Attraktion ein vierarmiges Mega-Kreuz sein, in dem künftig Ausstellungen mit christlichem Inhalt oder auch mal ein "Gipfel-Advent" stattfinden sollen? Und muss es von allen umliegenden Tälern zu sehen sein?

Ein Anwohner, der am Sonntag bei der Bürgerbefragung mit Nein stimmen wird, findet das ganze Projekt absurd. "Sogar mit Lourdes wurde von den Befürwortern argumentiert - und den Besucherströmen, die die Grotte anzieht. Und damit, dass ein Friedenssymbol auf der Buchensteinwand die Menschen zum Innehalten und Nachdenken bringe." So ein Quark, ruft er dann, "hier geht es um eine Investition, mit der man Gläubige anlocken und an ihnen verdienen will!"