Zweiter Weltkrieg Der antisemitische Großmufti erfährt nichts von dem Trick

Zugleich beginnt Helmy langsam, einen Plan zu entwickeln, der Anna auch dauerhaft einen Ausweg eröffnen soll. Mit Anna selbst kann man darüber heute nicht mehr sprechen, sie ist 1986 gestorben. Dafür aber mit ihrer Familie, die groß und dankbar ist - allerdings weit entfernt von Berlin lebt, in den USA.

Es liegt jetzt ziemlich genau ein Jahr zurück, dass eines Abend Annas Tochter, Carla Greenspan, in Manhattan ihre ganze Familie um sich versammelte, drei Kinder, Brüder, Halbbrüder, insgesamt 25 Menschen. "Wir schauten uns um", erzählt sie, "und sagten: Niemand von uns wäre heute hier, wenn es Doktor Helmy nicht gegeben hätte. Dieser ganze Raum mit 25 Menschen wäre einfach leer."

Mohammed Amin al Husseini, Großmufti von Jerusalem, schreitet 1944 die Front bosnischer Freiwilliger der Waffen-SS auf einen Truppenübungsplatz ab.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der erste Schritt in Helmys Plan zur Rettung Annas geht so: Am 10. Juni 1943 organisiert er Annas Übertritt zum Islam. Die Urkunde, die das bezeugt, stammt vom Islamischen Zentralinstitut zu Berlin, geleitet ausgerechnet vom Großmufti und Hitler-Freund Husseini.

Der antisemitische Großmufti erfährt natürlich nichts davon, dass er für den Übertritt einer Jüdin Pate stehen soll. Die Nazis pflegen so enge Bande mit dem Großmufti, dass Helmy hofft, sie würden die Herkunft seiner Gemeindemitglieder nicht näher untersuchen, oder, falls doch, vielleicht darüber hinwegsehen.

Eine muslimische Hochzeit als Rettung

Dabei bekommt er Hilfe von einem alten Studienfreund, Kamal Eldin Galal. Der hat sich zwar dem NS-Regime angedient, er verdingt sich als Autor von Propagandasendungen für die arabische Welt sowie als Generalsekretär der Hitler-freundlichen Moscheegemeinde unter Großmufti Husseini. Aber bei Nacht ist er trotzdem bereit, mit Helmy gemeinsam dem Mädchen Anna zu helfen, mit entwendeten Briefköpfen und Stempeln.

Zweiter Schritt: In der Nacht zum 16. Juni 1943 organisiert Helmy in seiner Wohnung eine muslimische Hochzeit für Anna. Wieder werden Papiere aufgesetzt. Helmy gibt sich darin als Vater der Braut aus, wodurch Anna auf dem Papier zu einer angeblichen arabischen Herkunft gelangen soll, und wieder hilft ein alter Freund aus dem untergegangenen arabischen Vorkriegs-Berlin, diesmal der 36-jährige Abdel-Aziz Helmi Hammad, ein ägyptischer Landsmann, der 1939 gemeinsam mit Helmy inhaftiert war. Er gibt den Ehemann.

Die Tarnung eines jüdischen Mädchens als Muslimin, um die Mufti-freundlichen Nazis übers Ohr zu hauen: Ob dieser Plan je aufgeht?

Fest steht nur: Anna schafft es, lebend den Sommer 1945 zu erreichen, obwohl sie Berlin nie verlässt und obwohl auch ihr Versteck in der Laube mindestens einmal enttarnt wird - woraufhin Helmy bei der Gestapo erscheinen, Papiere vorlegen und einen langen Streit mit den Uniformierten ausfechten muss.

Konnten nach dem Krieg endlich heiraten: Helmy und seine Frau Emmy.

Worum da genau gestritten wird, kann man Helmy nicht mehr fragen, er ist 1982 in Berlin gestorben. Aber offenbar hatte er Erfolg.

Einige Jahre später, am 2. Juni 1960, hebt Anna im Büro der New Yorker Notarin Theodora W. Joven Hoyt ihre rechte Hand, gibt eine eidesstattliche Erklärung ab und schickt diese nach Berlin, an die Jüdische Gemeinde in der Joachimstalerstraße sowie an den Senat: Man möge Helmy auszeichnen, diesen "wundervollen Menschen", der jeden Dank ablehnt.

Mohammed Helmy lebt da noch immer in Berlin. Warum, das können auch seine noch lebenden Verwandten in Kairo nicht recht beantworten. Wollte er nie weg aus dem zerbombten, verarmten, tief beschämten Land?

Die beiden Männer erzählen von dem schönen Leben, das Helmy wenigstens nach dem Krieg in Deutschland gehabt habe: Wie er endlich seine Verlobte Emmy heiraten durfte, wie die Alliierten, auf der Suche nach politisch Unbelasteten, ihn sogar zum Klinikchef in Buch machten.

Die Nachfahren Helmys lehnen den Preis aus Israel ab

Im Herbst 2013 wird in Jerusalem eine Medaille geprägt, auf der steht: "Wer ein Leben rettet, hat eine ganze Welt gerettet." Ein jüdischer Spruch aus dem Talmud. Die Medaille ist für Mohammed Helmy (1901-1982), den "Gerechten unter den Völkern". Doch die Verwandten in Kairo kamen nicht zur Zeremonie. Sie wollen den Preis nicht. Weil er aus Israel kommt.

Die Sache wird kurzzeitig zu einem Politikum, als auf der Webseite von Yad Vashem noch Kommentare auftauchen, die von einem "zionistisches Komplott" raunen, mit Helmy als nützlichem Idioten für ein israelisches Propagandastück.

"Wenn irgendein anderes Land ihn ehren würde - wir würden uns freuen", sagen heute die beiden Ex-Offiziere im Shisha-Café in Kairo. "Helmy hat allen Menschen geholfen, egal welche Religion sie hatten. Nun will Israel ihn speziell dafür auszeichnen, dass er Juden geholfen hat. Das wird seiner Haltung und seinem Lebenswerk überhaupt nicht gerecht."

Die Nachfahren des Mädchens Anna sind traurig darüber, wie sie sagen. Sie hoffen, die Familie ihres Retters doch noch irgendwann kennenzulernen.

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