"Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit" Legenden vom Krieg im Dunklen

Die "Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit" half Verfolgten in der Frühphase der DDR. Ein Buch dokumentiert ihre Schattenseiten: Anschläge, engen Kontakt zur CIA - und furchtbaren Dilettantismus.

Rezension von Klaus-Dietmar Henke

Wenn das Bemühen gestört wird, eine unangenehme Vergangenheit schönzureden, erhebt sich meist beträchtliches Gezeter. Der Störenfried wird dann schnell zu einem politischen Provokateur oder gar Geschichtsfälscher erklärt. So geschehen bei der Vorstellung der vorliegenden Studie in Berlin.

Dabei ging es an diesem tumultuösen Abend nur um die "Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit (KgU)", die zwischen 1948 und 1959 auf dem Feld der deutsch-deutschen Auseinandersetzungen operierte und deren Namen heute kaum noch jemand kennt. Da fielen einige ältere Herren derart unsachlich über den Autor des neuen Standardwerks zur KgU her, dass wieder einmal mit Genugtuung festzuhalten war: Gute Zeitgeschichtsforschung tut manchmal weh.

Härteste Widersacher des SED-Regimes

Das Buch von Enrico Heitzer markiert das unwiderrufliche Ende der schon seit Längerem infrage gestellten Legende von einer Vereinigung, die sich vornehmlich aus ethisch-humanitären Erwägungen heraus um die von den SED-Diktatoren verfolgten und vertriebenen Menschen gekümmert habe. Das war die KgU ganz gewiss. Sie hat große Verdienste, doch hatte sie, wie im Kalten Krieg kaum anders zu erwarten, eben auch eine finstere Rückseite.

Diese "Kämpfer" waren zugleich Propagandahelfer, Spione, Saboteure, die mitunter auch nicht vor Aktionen zurückschreckten, bei denen Personen zu Schaden kommen konnten. Das zeigt die mit bewundernswerter Akribie vornehmlich aus den Akten des Bundesarchivs gearbeitete Studie zweifelsfrei. Man erkennt: Die aggressive Agitation der SED gegen die KgU kam nicht von ungefähr.

Die Kampfgruppe mit ihren ungefähr 80 hauptamtlichen Mitarbeitern zählte zu den härtesten Widersachern des ostdeutschen Regimes. In ihrer Außendarstellung operierte sie als humanitäre Anlaufstelle für entlassenen Häftlinge und für Angehörige noch immer Vermisster, als Beobachter von Menschenrechtsverletzungen in der DDR oder als Helfer für die von dort Geflohenen. Sie war aber eben auch ein, allerdings fürchterlich dilettantischer, geheimdienstlicher Helfer der CIA.

Der junge amerikanische Nachrichtendienst deckte bald einen immer größer werdenden Anteil des Finanzbedarfs der KgU und unterstrich intern ausdrücklich, es sei gerade die Aufrechterhaltung der humanitären "Fassade" der Gruppe, welche die Durchführung verdeckter Operationen und Anschläge in der Ostzone ermögliche. Ernst Tillich, Neffe des berühmten Theologen Paul Tillich, während der NS-Zeit wegen seiner Widerstandstätigkeit verfolgt und seit 1951 Leiter der KgU, war seit 1949 "Principal Agent" der CIA.

In ihrer radikalsten Phase während der ersten Hälfte der Fünfzigerjahre startete die Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit im Einklang mit der amerikanischen "Politik der Befreiung" neben ihrer umfangreichen Spionagetätigkeit - sie soll in der DDR über ein Netz von etwa 600 V-Leuten verfügt haben - eine Vielzahl von Sabotageaktionen in der dortigen Industrie, in der Landwirtschaft und im Handel ("administrative Störungen").

Vermurkste Anschläge

Mit sogenannten "Einsatzgruppen" führten ihre Mitarbeiter und Agenten jedoch auch gefährliche, freilich meist kläglich vermurkste Sprengstoff- und Brandanschläge durch, unter anderem gegen Überlandleitungen, Straßen- und Eisenbahnbrücken oder 1951 bei einem glücklicherweise in den Anfängen erstickten Kaufhausbrand in Leipzig.

Darüber hinaus war die Kampfgruppe in Vorbereitung eines möglichen Kriegsfalles auf dem Boden der DDR in Stay-behind-Operationen des Westens eingebunden, und sie unterhielt ein eigenes Laboratorium zur Herstellung von Brandsätzen; ein führendes Mitglied erwähnt die Herstellung von Giftampullen. Am 22. September 1951 etwa setzte die Einsatzgruppe "Ferdinand" an der Bernauer Straße einen Zeitungsstand in Brand, weil, so ihr seltsamer Bericht, die Inhaberin "eine überzeugte Bolschewistin ist und verschiedentlich den Angehörigen unserer Widerstandsgruppe mit Verschleppung in den Ostsektor gedroht hat".

Als in der DDR der Zorn der Bürger brannte

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Enrico Heitzer führt ganz nüchtern vor Augen, wie der Kalte Krieg nun einmal aussah, auch im geteilten Deutschland. Die Mitwirkung der KgU, die auf einen Zusammenbruch der DDR zielte, ist eigentlich keine große Überraschung. Das Erschütternde an diesem Krieg im Dunkeln ist allerdings die politische Naivität und der Dilettantismus, mit der dieser Kampf aufseiten der Amerikaner und ihrer von antikommunistischem Widerstandsgeist beseelten deutschen Helfer geführt wurde.

Beides spielte der SED-Agitation direkt in die Hände. Vor allem und nicht zuletzt wurden in diesem Kampf Hunderte sinnlos den kommunistischen Repressionsorganen ausgeliefert. Allein in den Moskauer Hinrichtungsstätten ließen mehr als hundert Menschen ihr Leben.

Im Klima nachlassender Ost-West-Spannung geriet die janusköpfige KgU rasch ins Abseits. Sie verlor ihre anfangs durchaus vorhandene politische Unterstützung der Westberliner und der Bonner Politik, Martin Niemöller titulierte sie als "Verbrechergruppe". 1959 war sie endgültig am Ende. Kaum einer ihrer Unterstützer mochte sich noch mit solch einer dubiosen Truppe gemeinmachen. CIA und BND teilten die verwertbaren Reste unter sich auf. Dem Spiegel galt der fundamentalistische Tillich nur noch als "später Werwolf".

Vielen Mitarbeitern, Unterstützern und Sympathisanten mag die geheime Doppelrolle der KgU damals nicht bewusst gewesen sein. Manche halten diesen Befund weiterhin für böswillige Verleumdung. Müsste es aber nicht möglich sein, dass die noch immer über den einstigen Schlachtfeldern tobenden Geister mithilfe dieses vorzüglichen Buches allmählich zur Ruhe kommen?

Klaus-Dietmar Henke lehrte bis 2012 Zeitgeschichte in Dresden. Er ist Sprecher der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung des Bundesnachrichtendiensts.

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