Xavier Naidoo im Interview "Obama ist für mich Goldman Sachs"

sueddeutsche.de: In einem Lied singen Sie "Barack Obama hat ausgedient" - der hat doch gerade erst angefangen, also wie kommen Sie darauf?

Naidoo: Es ist naiv, zu glauben, dass sich Amerika völlig gewandelt hat, weil ein dunkelhäutiger Mann Präsident wurde.

sueddeutsche.de: Obama versucht in vielen Bereichen, eine andere Politik als sein Vorgänger George W. Bush zu machen. Ist das für Sie kein Wandel?

Naidoo: Wissen wir das wirklich? Was ist denn, abgesehen von Absichtserklärungen, bislang passiert? Tatsache ist: Seine Berater und sein Personal setzen sich aus mehr Wall Street und Kapital zusammen als jemals zuvor. Obama ist für mich Goldman Sachs. Und Goldman Sachs ist für den Finanzcrash mitverantwortlich - und darf sich darüber freuen, dass auf Initiative von Obama Hunderte Milliarden Steuerdollar an die Wall Street fließen. Für mich ist Obama bislang vor allem ein verlängerter Arm der Wall Street.

sueddeutsche.de: Sie spekulieren auch über eine Verwicklung der CIA in die Anschläge vom 11. September. Was wollen Sie mit solchen Songtexten bewirken?

Naidoo: Ich möchte vor allem, dass die Leute nachdenken. Dass Sie sich bestimmte Dinge noch mal angucken und hinterfragen. Gab es Fachleute, die den Finanzcrash vorausgesehen haben? Ist unsere Währung überhaupt gedeckt? Wie entsteht überhaupt Geld? Es gibt viele Antworten, die man leicht finden kann, wenn man offen ist.

sueddeutsche.de: Vor zehn Jahren sagten Sie in einem Interview: "Ich denke, dass uns viele Sachen wegbrechen werden: das Geld, Inflation, Börsencrash." Fühlen Sie sich als Prophet?

Naidoo: Nein, das hätten auch andere wissen können.

sueddeutsche.de: Große Hoffnungen setzen Sie offenbar auf Europa, dem Sie sogar einen eigenen Song widmen. Den Text kann man sowohl als Ode auf Europa verstehen, als auch als Vision eines Flüchtlings, der sich den Kontinent als gelobtes Land ausmalt. Können Sie das näher erklären?

Naidoo: Es ist beides. Ich habe als geborener Mannheimer sowohl die Innenperspektive, als Sohn meiner südafrikanischen Eltern habe ich aber auch den Blick von außen. Meine Mutter flüchtete Hals über Kopf vor dem Apartheidsregime, weil sie gewerkschaftlich tätig war und Repressalien bevorstanden. Sie ging nach England - das war Europa, der Kontinent, auf dem man frei sein kann.

sueddeutsche.de: Sie erzählten zu Beginn unseres Gesprächs, wie schnell Ihre Eltern in Deutschland Kontakt zu den Alteingesessenen suchten - und das in den siebziger Jahren, als Integrationspolitik so gut wie nicht stattfand.

Naidoo: Stimmt, das war sicherlich ungewöhnlich. Hätte man schon in den siebziger, achtziger Jahren damit begonnen, Bürger mit ausländischen Wurzeln besser zu integrieren, hätten wir heute viele Probleme nicht. Wir haben damals geschlafen, weil wir nur Trennendes gesehen haben, der Menschen-Reichtum wurde verkannt. Zum Glück ist das heute anders: Wenn man in Schulen und Kindergärten guckt, dann sind da viele Farben dabei. Es ist wunderbar, wenn die Kids alle Deutsch sprechen und lernen, hier etwas gemeinsam zu bewegen. Die Leute, die hierher gekommen sind, wollen eben in den meisten Fällen nicht etwas absaugen, sondern haben viel beizutragen. Die Kraft, die wir in Deutschland haben, ist unglaublich.

sueddeutsche.de: Jetzt klingen Sie richtig selig.

Naidoo: Das, was die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft haben, ist einzigartig. Sie haben - übrigens gemeinsam mit den so genannten Gastarbeitern - ein kaputtes Land wieder aufgebaut und zum Blühen gebracht. Die 68er haben die Aufarbeitung der NS-Zeit angestoßen und für eine gesunde Sensibilisierung gesorgt. Nun geht es darum, unsere Zukunft in Europa zu gestalten. Es darf nicht nur ein Wirtschaftsraum sein.

sueddeutsche.de: Vor allem die ökonomische Seite der EU funktioniert - auf anderen Feldern hapert es.

Naidoo: Sicher, es sind viele Chancen ausgelassen worden in den letzten Jahren, aber ich bin trotzdem optimistisch. Wenn die Bedingungen für Konzerne verbessert wurden, dann ist das okay. Aber wir sollten darauf dringen, dass es nicht dabei bleibt. Wir müssen die EU zu einem Europa der Menschen machen - und wir Deutschen haben die Kraft, da etwas zu bewegen. Gerade diejenigen Deutschen, die wie ich dunklere Haut haben und sich gleichzeitig mit der deutschen Kultur identifizieren, können sich da besonders wirksam und glaubwürdig einbringen.

sueddeutsche.de: Sind Sie stolz, Deutscher zu sein?

Naidoo: Der Satz kommt mir nicht über die Lippen, weil ich das Wort "stolz" aus meinem Wortschatz verbannt habe. Ich freue mich einfach. Deutschland macht mich froh.