Wladimir Putin Der Mythos von Russland als Opfer westlicher Expansion

Die Bestandsaufnahme von "Putins russischer Welt" widmet sich den Quellen der Macht des Kremlchefs ebenso wie den Zielen seiner Politik.

(Foto: AP)

Der Journalist Manfred Quiring zeichnet ein hässliches Bild von Putins Politik in Russland und fordert, das Regime realistisch zu betrachten.

Von Daniel Brössler

Unter der Überschrift "Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!" veröffentlichten im Dezember 2014 mehr als 60 namhafte Deutsche einen Aufruf zur Bewahrung des Friedens. Sie äußerten sich besorgt über die Reaktion des Westens auf die Annexion der Krim und beklagten die "für Russland bedrohlich wirkende Ausdehnung des Westens nach Osten".

Der Aufruf stand für ein Phänomen, das nicht neu war, aber sich mit der Ukraine-Krise paradoxerweise noch verstärkt zu haben schien: die Parteinahme von Teilen von Politik, Wirtschaft und Kultur in Deutschland für den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

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Manfred Quiring, langjähriger Moskau-Korrespondent der Welt und exzellenter Russland-Kenner, erkannte darin "den schon an Starrsinn grenzenden Unwillen, das in Russland herrschende Regime realistisch zu betrachten". Als Antwort hat Quiring eine Bestandsaufnahme von "Putins russischer Welt" verfasst, die sich den Quellen der Macht des Kremlchefs ebenso widmet wie den Zielen seiner Politik.

Das Bild, das so entsteht, ist hässlich. Es zeigt Putin als Herrscher eines Geheimdienststaates, in dem Macht und Mafia unentwirrbar verstrickt sind.

Einen Wortbruch gab es nie

Gründlich demontiert Quiring auch den Mythos von Russland als Opfer westlicher Expansion, der für die Führung in Moskau deshalb von so großer Bedeutung ist, weil er aus der Aggression in der Ukraine für viele im Westen so schlüssig einen Akt der Notwehr zu machen scheint.

Zentral ist dabei die Frage, ob es - wie so oft behauptet - ein Versprechen amerikanischer und deutscher Politiker gegeben hat, dass die Nato nicht über die Oder-Neiße-Linie hinaus nach Osten ausgedehnt wird. Überzeugend legt Quiring dar, wie widersinnig die Vorstellung ist, Michail Gorbatschow habe sich 1990 in den Verhandlungen zur deutschen Einheit Garantien gegen die Aufnahme osteuropäischer Staaten in die Nato geben lassen.

Sie wäre, wie Quiring schreibt, eine "Rieseneselei" gewesen, denn zu diesem Zeitpunkt existierten sowohl die Sowjetunion als auch der Warschauer Pakt noch. Deren Ende hätte Gorbatschow also vorwegnehmen müssen. Den angeblichen Wortbruch hat es nie gegeben. Überdies wäre es ein "Wort" gewesen, das den Osteuropäern später ihres Rechtes der souveränen Bündniswahl beraubt hätte.

Irritierenderweise interpretieren häufig ausgerechnet jene, die einen Umgang "auf Augenhöhe" mit Moskau anmahnen, russische Politik als praktisch unausweichliches Ergebnis westlicher Fehler.

Quiring hält dagegen. Er schildert Putin als zielstrebigen Zerstörer der Demokratie im eigenen Land, der mit den Mitteln von Angst und Gewalt nach innen und außen den Plan verfolgt, Russlands imperiale Macht wiederherzustellen. Wer versuchen will, Putin zu verstehen, findet bei Quiring eine nützliche Anleitung.

Manfred Quiring: Putins russische Welt. Wie der Kreml Europa spaltet. Ch. Links-Verlag Berlin 2017. 264 Seiten, 18 Euro. E-Book: 9,99 Euro.

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