Weltklimabericht Neuer Energiemix könnte Erderwärmung noch bremsen

Vor schweren Dürren - wie hier im Herbst 2013 in den USA - warnt der Weltklimarat bei einem Fortschreiten des Klimawandels.

(Foto: dpa)

"Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten" - so drückt Mitautor Edenhofer ein Ergebnis des jüngsten Weltklimaberichts aus. Zehn bis zwanzig Jahre habe die Welt noch Zeit, um den Klimawandel zu moderaten Kosten aufzuhalten. Hauptziel müsse eine Veränderung des Energiemixes sein.

Trotz bedrohlich steigender Treibhausgas-Emissionen sieht der Weltklimarat (IPCC) noch immer eine Chance, die Erderwärmung in den Griff zu bekommen.

Haupttriebkraft des Klimawandels bleibt dem jüngsten Bericht zufolge, den der IPCC am Sonntag in Berlin veröffentlicht hat, die Energieerzeugung. Neben der generell steigenden Energienachfrage machen die Wissenschaftler den wachsenden Anteil von Kohlekraftwerken am Energiemix für weltweit steigende CO2-Emissionen verantwortlich. Sie empfehlen daher eine schnelle und deutliche Verschiebung von Investitionen: weg von der Förderung und Verbrennung von Kohle, Gas und Öl, hin zu klimafreundlichen Energien.

Eine Kernbotschaft des in Berlin vorgestellten Berichts ist, dass dieser Wechsel nicht so teuer ist, wie viele Menschen vermuten. Nach IPCC-Berechnungen schlägt er bei einem Wirtschaftswachstum von 1,6 bis 3 Prozent im Jahr mit einem Minus von rund 0,06 Prozentpunkten zu Buche. "Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten", sagte Ottmar Edenhofer, Co-Vorsitzender des aktuellen IPCC-Berichts.

Allerdings bleibe lediglich ein Zeitfenster des nächsten Jahrzehnts und maximal der nächsten zwei Dekaden, um zu moderaten Kosten reagieren zu können, mahnte Edenhofer.

Zwei-Grad-Ziel ist noch erreichbar

Von dem international vereinbarten Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zu vor der Industrialisierung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen sind die Staaten dem Bericht zufolge weit entfernt. Zwischen 2000 und 2010 gab es laut IPCC den stärksten Emissionsanstieg der vergangenen 30 Jahre. Machten die Staaten weiter wie bisher, gebe es eine Erwärmung von voraussichtlich 3,7 bis 4,8 Grad bis zum Jahr 2100.

Das Zwei-Grad-Ziel sei gleichwohl noch erreichbar, allerdings müsste sich dafür der Anteil emissionsfreier oder emissionsarmer Energiequellen von derzeit etwa 30 Prozent bis 2050 auf mehr als 80 Prozent erhöhen, die Treibhausgas-Emissionen müssten bis zum Ende des Jahrhunderts auf nahezu Null gebracht werden. Positiv bewertet werden Fortschritte im Kampf gegen die Abholzung von Wäldern.

In einer ersten Reaktion auf den Bericht sprach US-Außenminister John Kerry von einem "Weckruf" für Unternehmen vor allem im Energiesektor. Es habe bereits "Warnsignal auf Warnsignal" gegeben, sagte Kerry. Jetzt gehe es um eine "globale wirtschaftliche Gelegenheit", die ergriffen werden sollte.

Das neue wirtschaftliche Argument sorgte auch bei vielen Umweltschutz-Organisationen für Enthusiasmus. Denn es könne all jene Politiker überzeugen, die durch mehr Klimaschutz eine Schwächung der Wirtschaft ihres Landes befürchteten.

"Das ist die Schwelle zum Durchbruch", sagte Karsten Smid von Greenpeace. "Wenn man das ernst nimmt, wird es zu einem wirtschaftlichen Umbruch führen." Die Technik für erneuerbare Energien sei heute ausgereift, verfügbar und erschwinglich. Als weiteren Vorteil gebe es weniger Luftverschmutzung, was etwa für China bereits jetzt eine große Rolle spiele. Zudem seien die Energien sicherer für Mensch und Natur als beispielsweise Atmokraft.

Der jüngste IPCC-Bericht zeige, dass Klimaschutz möglich und finanzierbar sei, betonte auch Samantha Smith von der Umweltstiftung WWF. Wer jetzt sage, das sei zu schwierig oder zu teuer, liege falsch, ergänzte sie.

Vorbereitung auf Weltklimagipfel in Peru 2014

Skeptischer sieht Forscher Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik die Wirkung des aktuellen Berichts. "Politisch hat das nicht viel Überzeugungskraft", urteilt der Energiepolitik-Experte. Der Report des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern, der Klimaschutz bereits 2006 als wirtschaftlich sinnvoll einstufte, habe in der politischen Praxis nicht viel verändert. Der neue Bericht wiederhole die "Fünf-vor-zwölf-Rhetorik" früherer IPCC-Reporte, kritisierte Geden. Diese Botschaft nutze sich für Politiker ab.

Mitgewirkt am jüngsten Bericht des Weltklimarats haben 235 Hauptautoren und 38 Editoren aus 57 Ländern. Beteiligt waren auch 180 Ko-Autoren und 800 weitere Experten, die den Bericht begutachteten. Die bereits veröffentlichten ersten beiden Teile des Sachstandsberichts befassten sich mit wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels sowie damit verbundenen Risiken und notwendiger Anpassung an Klimafolgen.

Das Treffen und der Bericht dienen der Vorbereitung der nächsten Weltklimagipfel in Peru und Ende nächsten Jahres in Paris.