Wahlkampf im Netz "Junge Un-jo-hon / ist die Miss-jo-hon"

Ein Video der Berliner JU stürmt die Internet-Hitparade. Die JU feiert ihre Werbung als "unkonventionell" - im Netz wird gefragt: "Ist das euer Ernst?"

Von Michael König, Berlin

Es rollt jetzt die zweite Welle. So heißt das im Wahlkampfdeutsch. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla hat in Berlin zwei neue Videos vorgestellt, die im öffentlich-rechtlichen und im Privatfernsehen ausgestrahlt werden. Mehr als 400 Sendepositionen hat die CDU dafür gemietet. Natürlich sind die Videos auch bei CDU-TV zu sehen, dem Youtube-Kanal der Konservativen. "Es gibt einen regelrechten Run auf dieses Angebot", sagt Pofalla. "Darauf sind wir stolz."

Angesichts dessen, was die Berliner Junge Union Tempelhof-Schöneberg gerade erlebt, ist CDU-TV nur eine leichte Brise. Binnen eines Tages hat ein Video des Kreisverbandes der CDU-Jugendorganisation alle offiziellen Wahlkampfspots der Bundes-CDU in der Zuschauergunst überholt. Es heißt "JU-Lied" und kommt ohne teure Darsteller und Technik aus.

Dietrich Rudorff hat das Lied geschrieben, eingesungen und als Video produziert. Der 31 Jahre alte Berliner Hobbymusiker ist gerade dabei, zu einer Art Internetberühmtheit zu werden. Etliche Blogger machten ihre Leser auf das Video aufmerksam. Bei Twitter ist das JU-Lied Tagesgespräch. Die Zahl der Aufrufe bei Youtube stieg binnen 24 Stunden von gut 2000 auf knapp 12.000.

Rudorff singt: "Die Junge Unio-hon / ist unsere Missio-hon / die Zukunft unseres Landes / das sind wir / Wir lieben unser Heimatland / vom Allgäu bis zum Ostseestrand / gemeinsam haben wir / ein großes Ziel."

Der Refrain lautet: "Wir sind Deutschlands Nummer Eins / für Freiheit und Gerechtigkeit / Die JU wird immer sein / Komm mit und sei auch du dabei."

Der Vorsitzende des JU-Kreisverbands Tempelhof-Schöneberg, Niklas Schubert, berichtet von einer Welle positiver Reaktionen: "Der eingängige Refrain und die stimmungsvolle Melodie" seien Garanten für den Erfolg dieses "unkonventionellen" Werbemittels. Den "vielen unseriösen Videos und Liedern, die sich zum Teil abwertend mit der Jungen Union im Internet auseinandersetzen", habe man nun etwas entgegenzusetzen.

Auch beim Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Thomas Dautzenberg, findet die neue JU-Hymne Anklang. Das Lied sei "interessant", befindet Dautzenberg auf Anfrage von sueddeutsche.de. Es zeige, "wie kreativ JU-Mitglieder vor Ort - also auch unabhängig vom Bundesverband - sind."

Das Stimmungsbild beim Kurznachrichtendienst Twitter ist differenziert. Die Reaktionen reichen von "Ein Ohrwurm!" über "Ist das euer Ernst?" bis "Macht, dass es aufhört!". Es ist von verbogenen Zehennägeln und Unwohlsein die Rede. "Das ist keine Satire!", schreiben viele Twitter-Nutzer in ihren Beiträgen.

Sogar bis in die aktuelle Nummer 1 der deutschen Blogcharts, netzpolitik.org, hat es die JU-Hymne geschafft. Autor Markus Beckedahl widmete dem Lied einen Eintrag. In dem Blog Impactsuspect machte sich gar jemand die Mühe, Rudorffs holprigen Reimen auf die Sprünge zu helfen. Sein Vorschlag für einen zeitgemäßen Refrain: "Die JU ist supertoll / und ganz doll mit Leute voll / mach bei uns mit und sei kein Fool / dann bist auch du krass supercool."

Das ist virales Marketing, wie es sich jeder Wahlkampfstratege wünscht - zumindest, was die Verbreitung angeht. Der Komponist und Texter Dietrich Rudorff hofft nun auf weitere Angebote. Er würde der CDU gerne eine eigene Hymne schreiben. Etwa zehn Tage braucht er für die Produktion, sagt er. Genug Zeit, um passend fertig zu werden - rechtzeitig zur dritten Wahlkampf-Welle.

Auch im SZ-Blog Schaltzentrale von Johannes Boie.