Wahl von Gauck zum Bundespräsidenten Keine Fürstin, dafür einen König

Spaß und schöne Bilder: Die Mehrheit für Gauck steht - deshalb können die Parteien unbesorgt auch Paradiesvögel in die Bundesversammlung schicken. So stimmt für die CDU Alice Schwarzer, allein um die SPD zu ärgern. Und die Sozialdemokraten vertrauen Jan Josef Liefers. Lediglich die Bayern befinden sich noch in einem Adels-Schock - nach ihren Erfahrungen mit Gloria von Thurn und Taxis.

Von Evelyn Roll, Berlin

Vor drei Herausforderungen stand die Bundeskanzlerin, als Christian Wulff zurückgetreten war. Es musste ein Kandidat gefunden werden, der auch von SPD und Grünen gewählt werden kann, weil die schwarz-gelbe Mehrheit in der Bundesversammlung gefährlich knapp ist. Es erschien hilfreich, wenn dieser Kandidat einmal nicht ausdrücklich Angela Merkels Kandidat sein würde, weil es im Fall der Fälle Merkels dritter gescheiterter Bundespräsident sein würde. Und wenn außerdem als Mehrwert auch noch ein wenig Stärkung für den schwächelnden Koalitionspartner FDP abfallen sollte - auch nicht schlecht, selbst wenn Philipp Röslers Beharren auf Joachim Gauck als Affront gewertet werden sollte.

Kurz vor seiner Wahl noch ein paar Pressekonferenzen: Hier beim Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V." am Donnerstag in Berlin

(Foto: dpa)

So kommt es, dass die Bundesversammlung des Jahres 2012 sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so anfühlt wie jene im Jahr 1989, als Richard von Weizsäcker der einzige Kandidat war und auch von FDP und SPD unterstützt wurde. Kein starker Gegenkandidat. Keine Spannung. Joachim Gaucks Wahl gilt als sicher - ganz gleich, was Alice Schwarzer macht.

Es war in jenem Weizsäcker-Jahr 1989, dass die Parteien damit anfingen, Sportler und andere Prominente in die Bundesversammlung zu holen. So ein Wahltag kann lang werden. Die Kameras brauchen Bilder. Und Wahlkampf ist außerdem immer. Also nominierte Norbert Blüm, seinerzeit CDU-Parteichef in NRW, den Fußballprofi Pierre Littbarski. Die SPD schickte den Kabarettisten Dieter Hildebrandt. Alle stimmten für Weizsäcker. Alle hatten Spaß.

"Elementen aus dem Showgeschäft"

Nur der CSU-Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen schimpfte über den "Firlefanz" mit "Elementen aus dem Showgeschäft". Seither wird bei jeder Bundesversammlung neu debattiert, ob diese Elemente - der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer nannte sie jetzt "Paradiesvögel" - nun ein verachtenswerter populistischer Show-Effekt sind - oder für die immer wieder beschworene Öffnung der Politik in Richtung Gesellschaft stehen.

Jedenfalls entdeckt die CDU in Nordrhein-Westfalen zur Gauck-Wahl ihre jahrzehntelang sorgfältig vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Begeisterung für den Feminismus - und ärgert zu Beginn des Wahlkampfs die SPD-Chefin Hannelore Kraft, indem sie Alice Schwarzer in die Bundesversammlung schickt. In deren Haut möchte man am Sonntag nicht stecken, weil es ja auch noch die weibliche Zählkandidatin der Linken gibt, der man als Alice Schwarzer eigentlich medienwirksam die Stimme geben müsste - selbst wenn man mit der CDU gekommen ist.

Für Beate Klarsfeld stimmen wird wahrscheinlich der von den saarländischen Linken delegierte ehemalige Tennis-Star Claudia Kohde-Kilsch, die vor einiger Zeit mit einer Privatinsolvenz Schlagzeilen machte. Sie ist einer der dieses Mal nur insgesamt neun Spitzensportler in der Bundesversammlung.

Opfer von Rechtsextremisten unter den Wahlleuten

Wen haben wir noch? Keine Fürstin, dafür einen König: Otto Rehhagel, nominiert von der CDU. Die SPD Sachsen schickt den Schauspieler Jan Josef Liefers, die bayerische SPD Schauspielerin Senta Berger, die NRW-SPD den Comedian Ingo Appelt, die Grünen in Bayern den mit der Biermösl Blosn bekannt gewordenen Musiker Hans Well, die Grünen in NRW den Regisseur Sönke Wortmann.

Die NRW-CDU stellt außer Alice Schwarzer auch Mevlüde Genc auf, die bei dem von Rechtsradikalen verübten Brandanschlag in Solingen 1993 zwei Töchter, zwei Enkelinnen und ihre Nichte verloren hat. Die NRW-Grünen nominierten Gamze Kubazik, die die Tochter eines der Opfer der rechten Terrorzelle ist. Schöne und medienwirksame Gesten sind das, die nur ein wenig davon gestört werden, dass die Verwaltung des Reichstagsgebäudes auch Sitzplätze finden muss für die Wahlleute der NPD.

Nordrhein-Westfalen entsendet als größtes Bundesland 133 Wahlleute in die Bundesversammlung, da können die Parteien schon mal auf wahlkampfwirksame Symbole achten, ohne eigene Leute zu brüskieren, die gerne zur Bundesversammlung gefahren wären. Bremen, zum Vergleich, hat nur fünf Wahlleute.

Etwas kompliziert wird es für diejenigen unter den Unions-Wahlmännern und -Wahlfrauen, die beim letzten Mal auch schon dabei waren und gegen Joachim Gauck gestimmt haben. Friede Springer zum Beispiel will wahrscheinlich auch deswegen kein Interview zur Bundespräsidentenwahl geben. Jedenfalls schon mal nicht vor der Wahl, wie sie ausrichten lässt.

Die CSU befindet sich offensichtlich noch im Adels-Schock. Sie schickt ausschließlich Politfunktionäre nach Berlin und keine "Paradiesvögel" - dabei ist es doch schon acht Jahre her, dass Gloria von Thurn und Taxis als CSU-Delegierte nicht für den Unions-Kandidaten Horst Köhler stimmte, sondern für die SPD-Kandidatin Gesine Schwan - und auch noch laut darüber redete.

Wenn König Otto den Präsidenten wählt

mehr...