Völkermord in Ruanda Chronik des Versagens

Szene aus einem Vorort von Kigali am 13. Juni 1994: Ein UN-Soldat aus Ghana versucht ein Tutsi-Kind zu retten.

(Foto: AFP)

5500 Blauhelme hätten den Genozid in Ruanda 1994 verhindern können, schätzen Experten. Doch die Weltgemeinschaft sah weg. Wieso? Diese Frage treibt die damals Verantwortlichen noch heute um.

Von Ronen Steinke

Ein Alarmruf, der nicht deutlicher hätte sein können. Hellsichtiger auch nicht. Per Fax warnt der Kommandeur der in Ruanda stationierten 2500 Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen (UN), der Kanadier Roméo Dallaire, seine Chefs am 11. Januar 1994 vor einer bevorstehenden "Vernichtung" der Tutsi-Minderheit. Diese werde heimlich von Hutu-Extremisten vorbereitet. Ein Insider habe ihm das verraten.

Doch die UN-Zentrale in New York antwortet: Die Blauhelme sollten Ruhe bewahren. Sie sollten ihr Wissen an örtliche Behörden weitergeben. "Wir hielten dies für das Beste, was wir tun konnten", erinnert sich Kofi Annan, der damals die UN-Abteilung für Friedenseinsätze leitete.

Über das, was folgte, schreibt Annan in seinen Memoiren: "Es war eine der erschütterndsten Erfahrungen meines gesamten Berufslebens, die mich tief prägte."

Und der einstige Blauhelm-General Dallaire sagt heute: "Ich habe das Gefühl, dass wir ein Ablenkungsmanöver waren, ja sogar die Opferlämmer spielen mussten, damit die Staatsmänner sagen konnten, die Welt unternehme etwas, um das Morden zu stoppen. Tatsächlich waren wir nichts anderes als ein Feigenblatt."

6. April: Ruandas Hutu-Extremisten putschen. Den gemäßigten Präsidenten Habyarimana schießen sie in seinem Flugzeug ab. Eine halbe Stunde später beginnen sie, systematisch Tutsi umzubringen.

7. April: Zehn belgische Blauhelme, die die gemäßigte Premierministerin schützen sollen, werden getötet. Der Blauhelm-General Dallaire erinnert sich: "Die Extremisten nahmen sich bewusst die belgischen Soldaten vor, um Angst zu verbreiten. Sie wussten, dass westliche Nationen nicht den Mut und nicht den Willen aufbringen, bei Friedenseinsätzen Verluste hinzunehmen. Sobald Tote zu beklagen sind, wie bei den Amerikanern in Somalia oder den Belgiern in Ruanda, rennen sie davon, ganz gleich, welche Folgen das für die im Stich gelassene Bevölkerung hat."

8. April: Der ruandische Radiosender RTLM berichtet den Tag über triumphierend von Morden im ganzen Land. Zwischendurch laufen Lieder populärer Sänger, offenbar vorher aufgezeichnet, mit Zeilen wie diesen: "Ich hasse Hutu, ich hasse Hutu, ich hasse Hutu, die glauben, dass Tutsi keine Schlangen sind."

Blauhelm-General Dallaire ruft aus Ruanda Kofi Annan an. Doch Annan verbietet ihm, Partei zu ergreifen. Das UN-Mandat verpflichte ihn zu strikter Neutralität.

In einer Kirche werden internationale Militärbeobachter gezwungen, bei einem Massaker zuzusehen. Dallaire beschreibt es so: "Zunächst trieben die Gendarmen die Tutsi ins Kircheninnere, dann sammelten sie die Ausweise der Erwachsenen ein und verbrannten sie, dann riefen sie die zahlreichen zivilen, mit Macheten bewaffneten Milizionäre heran und übergaben die Opfer ihren Mördern. Methodisch und mit viel Prahlerei und Gelächter gingen die Milizionäre von Bank zu Bank und hieben und hackten mit ihren Macheten auf die Menschen ein. Einige starben sofort, andere, die bereits schreckliche Wunden davongetragen hatten, bettelten um ihr Leben oder um das ihrer Kinder. Niemand wurde verschont. Kinder flehten um ihr Leben, aber erlitten dasselbe Schicksal wie ihre Eltern."

20 Juli 1994: Ein ruandisches Flüchtlingskind vor Leichen, die in einem Massengrab liegen.

(Foto: Reuters)

10. April: Dallaire bekommt einen Anruf aus dem Büro des UN-Generalsekretärs. Was los sei. Dallaire erinnert sich: "Ich sagte ihm, mit 4000 schlagkräftigen Soldaten könne ich das Morden stoppen."

12. April: Die Nachrichtenagentur Reuters schickt den Reporter Aidan Hartley nach Ruanda. Hartley erinnert sich, dass man ihm sagte, dies sei eine "klassische Bongo-Story". Niemand würde Interesse haben an dem, was in Ruanda geschehe, "solange sie nicht anfangen, weiße Nonnen zu vergewaltigen". Seine Aufgabe sei es, "über die Weißen zu berichten, davon, dass die Nonnen evakuiert werden".

"Jeder wusste", so erinnert sich die britische Journalistin Linda Melvern, "dass die Presse nach dem, was in Somalia passiert war, kleinen Kriegen in Afrika noch weniger Aufmerksamkeit schenken würde als zuvor."