Vereinbarkeit von Familie und Beruf Das Kind hat einen Vater

Männer wollen sich um ihre Kinder kümmern - aber auch Vollzeit arbeiten. Was heißt das für die Politik?

Kühn verspricht Familienministerin Schwesig in ihrer Antrittsrede eine "moderne Gesellschaftspolitik" - und erzählt dann doch nur Altbekanntes. Dabei ist offensichtlich, worauf die neue Ressortchefin ihren Blick richten sollte, wenn sie in den Familien wirklich etwas ändern will.

Von Barbara Galaktionow

Mit einer forschen Idee sorgte Manuela Schwesig Anfang Januar für Furore. Sie forderte eine 32-Stunden-Woche für Eltern kleiner Kinder. Von Familienverbänden und Gewerkschaften wurde die neue SPD-Familienministerin dafür gelobt. Andere waren weniger begeistert: Wirtschaftsvertreter watschten die Idee sofort ab, aber auch Kanzlerin Angela Merkel disqualifizierte den Vorschlag als "persönlichen Debattenbeitrag" Schwesigs.

Bei ihrem ersten Auftritt als Ressortchefin im Bundestag war von neuen Ideen dann auch nicht mehr die Rede. Artig stellte Schwesig am späten Donnerstagabend die Eckpunkte der Frauen- und Familienpolitik für die kommenden vier Jahre vor - verlesenes Koalitionsprogramm, vorgetragen ohne große Verve. Das mag allerdings auch der Uhrzeit geschuldet gewesen sein, kam Schwesig im Zuge der der Antrittsreden aller Minister doch erst um halb zehn Uhr abends zu Wort. Vielleicht auch ein Zeichen, wie viel Bedeutung der Familienpolitik eingeräumt wird.

Ihren Familienarbeitszeit-Vorstoß hatte Schwesig ohnehin zuvor schon in die Sphäre einer eher unbestimmten "Vision" abgeschoben. Dabei hätte die Idee der Ministerin durchaus einen wichtigen Anstoß geben können. Väter und Mütter wünschen sich nämlich oft eine gleichmäßige oder zumindest gleichmäßigere Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit, aber nur wenige leben tatsächlich danach. Und dabei kann es nicht nur um die auch von Schwesig erneut beschworene "bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf" gehen - denn die zielt bislang fast ausschließlich auf die Frauen. Kinder sollen öfter und besser betreut werden, damit Mütter öfter und länger arbeiten können.

Väter mit Doppelbelastung

Damit sich in den Familien grundlegend etwas ändert, wäre es notwendig, auch die Väter mal in den Blick zu nehmen. Die arbeiten nach wie vor zumeist Vollzeit. Und die meisten wollen das auch so - wie gerade erst eine Forsa-Studie im Auftrag der Zeitschrift Eltern zeigte. Zugleich wünschen sich viele aber auch mehr Zeit für ihre Familien. Nur, wie soll das gehen?

Die in sich widersprüchlichen Aussagen zeigen das Dilemma, in dem viele heutige Väter stecken. "Das alte Leitbild vom Ernährer der Familie gilt nach wie vor. Es wurde durch die Vorstellung vom Vater als Betreuer nicht abgelöst, sondern nur um diesen Anspruch erweitert. Hier liegt der Hase im Pfeffer", sagt Johanna Possinger, die am Deutschen Jugendinstitut in München die Fachgruppe "Familienpolitik und Familienförderung" leitet.

Die harten Zahlen sähen zwar nicht danach aus, doch die meisten Väter reagierten sehr sensibel auf die von ihren Frauen, ihrem Arbeitgeber oder der weiteren Umgebung an sie herangetragenen Erwartungen. Und sie hätten auch selber eine andere Vorstellung von ihrem Leben als ihre eigene Vätergeneration, wollten "mehr sein als Ernährer und sich bei der Betreuung ihrer Kinder engagieren".

Veränderungen passierten im Moment vor allem im Kleinen, sagt Possinger. Oft gingen sie auf Kosten der Väter. Moderne Väter rissen sich ein Bein aus, um den unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Erst Arbeit, dann Hausaufgabenbetreuung, Lesen mit den Kindern und Elternabende - "Väter haben heute oft noch eine zweite Schicht nach der Erwerbsarbeit", stellt die Familienforscherin fest.

Das Schlagwort der Doppelbelastung scheint also mittlerweile auch für immer mehr Männer zu gelten. Doch warum will der überwiegende Teil der Väter dann trotzdem am liebsten zwischen 35 und 40 Stunden arbeiten - und nicht weniger? Sind die Männer vielleicht einfach selbst schuld an ihrer Misere, weil sie in den vorgegebenen Bahnen weitertraben, ohne sie zu hinterfragen?