USA und China Aufstieg und Fall zweier Weltmächte

US-Wahl und Parteitag in China: Fast zeitgleich entscheiden die beiden größten Mächte der Erde über ihre Vision der Zukunft. Die beiden Länder ringen um die Überlegenheit ihrer Systeme. In dem Zweikampf geht es um nichts weniger als die Frage, ob eine freiheitlich-demokratische Regierungsform am Ende stärker ist als ein autoritär-unfreies System.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Soldaten in Peking: China hat sich neu erfunden -  Hochgeschwindigkeitszüge schießen durchs Land, Glitzertürme wachsen in den Himmel.

(Foto: REUTERS)

Die USA und China bestimmen nur alle 20 Jahre zum gleichen Zeitpunkt ihr Führungspersonal. 1992 war diese Parallelität nicht relevant. Die USA hatten gerade den Kalten Krieg gewonnen, der Westen leuchtete, und angeblich stand das Ende der Geschichte bevor. Ein junger Gouverneur aus Arkansas wurde überraschend zum Präsidenten gewählt, weil er verstanden hatte, dass den Menschen ihr Geldbeutel wichtiger ist als der Erfolg in der Welt.

In China machte sich ein gewisser Jiang Zemin daran, das Werk der ökonomischen Lockerung von Deng Xiaoping fortzusetzen, der zu diesem Zeitpunkt vor allem deshalb in Erinnerung geblieben war, weil er 1989 die Demokratiebewegung hatte niederkartätschen lassen. Das Land war verschlossen.

Heute, 20 Jahre später, ist der Führungsvergleich zwischen China und den USA von ungleich größerer Bedeutung. Die Geschichte hat ihre Spuren gezogen, sie war gnädig zu China und weniger gnädig zu den USA. Plötzlich sehen sich zwei Regierungen Auge in Auge. Unter der Führung der nahezu zeitgleich bestimmten Präsidenten wird nicht nur über eine Rivalität, sondern über den großen ideologischen Konflikt dieser Zeit entschieden.

Scheinbilder, denen man nicht erliegen darf

Beide Präsidenten wissen, dass ihr Land ein Scheinbild darstellt, dem man nicht erliegen darf. In den USA ist der satte Optimismus von vor 20 Jahren verflogen. Zu viele Schulden, zu viele tote Soldaten, zu viel politischer Hass - Amerika hat wenig Freude an der Welt und an sich selbst. Das Land steigt herab vom Thron der Führungsmacht und verliert seinen Glanz. So sieht es inzwischen die Welt. Aber stimmt das Bild?

China hat sich zwei Dekaden nach Jiang Zemin neu erfunden: Hochgeschwindigkeitszüge schießen durchs Land, in den Städten sind die Fahrräder verschwunden, Glitzertürme wachsen in den Himmel. China hat eine Wachstums- und Wohlstandsexplosion erlebt wie kaum ein anderes Land auf der Erde.

Hunderte Millionen Menschen sind der Armut entkommen. So kräftig ist das Land geworden, dass die Nachbarn erschreckt Schutz suchen. Ein Gigant ist erwacht, eine neue Führungsmacht. So sieht es inzwischen die Welt. Aber stimmt das Bild?

Die Geschichte von Aufstieg und Niedergang ist so verlockend wie falsch. Wer Amerikas Niedergang beschwört, der verkennt die Erneuerungskräfte des Landes, die sich gerade am Wahltag zeigen. So brutal der politische Kampf auch geführt wurde, so polarisiert das Land ist - der Wahltag beschert den USA alle vier Jahre einen Energieschub.

Als Barack Obama 2008 die Macht übernahm, sorgte er für eine abrupte Korrektur der Übertreibungen der Bush-Jahre. Vier Jahre später entschied sich die Mehrheit ebenfalls nicht in müder Resignation für diesen Mann. Nein, sie traf eine Richtungsentscheidung. Die Mehrheit will keine ideologische Überzeichnung, sie will keine ökonomische und politische Polarisierung - sie will eine Chance, und sie will Gerechtigkeit.