USA in der Krise Verneigt vor der Macht des Marktes

23,5 Prozent, das war der höchste Wert seit 1928, und Robert Reich, der Berkeley-Professor und frühere Arbeitsminister von Bill Clinton, sieht historische Parallelen. 1928 sei kurz danach die Great Depression hereingebrochen, 2007 folgte die "Große Rezession". Die Haute-Volée kassiert, die Wirtschaft kollabiert - ein Zufall? "Nein!", ruft Robert Reich, genau dies sei der Grund der Malaise.

Seit der Ära von Ronald Reagan habe Washington sich vor der Macht des Marktes verneigt, nur dereguliert und privatisiert und die Steuern für die Reichen im Land gesenkt. Die Mittelschicht habe ihren Konsum bis 2008 nur durch halsbrecherische Verschuldung aufrechterhalten - jetzt drohe dauerhafte Stagnation: "Amerikas Wirtschaft kann nicht aus ihrer gegenwärtigen Flaute rauskommen ohne eine Strategie, die die Kaufkraft der breiten Mittelschicht wiederbelebt." Allein die Nachfrage der reichsten fünf Prozent werde die Stagnation der Wirtschaft nicht überwinden.

Etikett namens Plutonomy

Die neue Ordnung hat bereits ihr Etikett. Plutonomy hat ein Analystenteam der Citigroup diese "Wirtschaft der Reichen" getauft, in der das bestgestellte Hundertstel jedes Jahr so viel verdient wie die unteren sechzig Prozent der Gesellschaft. Auf diese Oberschicht, die zugleich 90 Prozent allen Vermögens in den USA kontrolliere, komme es allein an, rieten die Banker schon 2005. Der Rest, die 99 Prozent, sei Nebensache: "Wirtschaftliches Wachstum wird angetrieben und weitgehend konsumiert von den vermögenden Wenigen", schwärmte Ajay Kapur, damals Chefstratege der Citigroup, "die Erde wird getragen von den muskulösen Armen dieser Unternehmens-Plutokraten", die sich geschickt, kreativ und oft auf Pump technologischen Wandel und Globalisierung zu Nutze machten.

Die Zerrüttung von Amerikas Mitte begann lange vor der Krise, in den vermeintlich fetten neunziger Jahren. 27,3 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze (ein Plus von 22 Prozent) entstanden von 1990 bis 2008 in dieser Ära. Eine Analyse des Nobelpreis-Ökonomen Michael Spence offenbart aber: Dieser Segen konzentrierte sich zu 97,7 Prozent auf jene Sektoren der US-Wirtschaft, die keiner internationalen Konkurrenz ausgesetzt waren.

Die beiden größten Job-Motoren Amerikas waren das Gesundheitswesen und der öffentliche Dienst mit zusammen 10,4 Millionen neuen Jobs. Aber, so warnt Spence, dieser Pfad sei nun eine Sackgasse: Staatsverschuldung und Sparzwänge würden es verbieten, mehr Verwalter, Polizisten oder Ärzte einzustellen.

Ganz anders verlief die Entwicklung in jenem Teil der US-Wirtschaft, der sich auf den Weltmärkten behaupten muss. Dort schufen Mega-Banken und Versicherungs-Multis, globale Unternehmensberater wie auch Entwickler großer Computersysteme jede Menge hochbezahlter Topjobs. Nur, parallel raubten seit 2000 der Niedergang der Industrie und die Verlagerung vieler Fabriken in Niedriglohnländer sechs Millionen Arbeitnehmern ohne College-Abschluss ihre Existenz. Viele fanden ein neues Auskommen nur in schlecht bezahlten Billigjobs. Dieser Trend setzt sich fort: Die Hälfte aller neuen Arbeitsplätze werden bis 2018 Mac-Jobs sein, ein Drittel entsteht im Hochlohnsektor. Die Spannungen dürften wachsen.